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Energieland Ostfriesland: Wer erzeugt den Strom – und wer verdient daran?

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Dossier · Stand: 20. September 2026
Recherche: Stadtwalk

Ostfriesland ist Standort großer Windparks, industrieller Kraftwerke, Erdgasförderung und ehrgeiziger Wasserstoffprojekte. Zugleich sitzen hier Unternehmen, die Anlagen entwickeln, bauen oder warten. Das klingt nach einer starken Energieregion. Doch es sind verschiedene Dinge, ob Energie in Ostfriesland erzeugt, von Ostfriesland aus verwaltet oder von einem ostfriesischen Unternehmen irgendwo in Deutschland produziert wird.

Dieses Dossier trennt diese Ebenen. Es fragt nicht nur, wie viel Leistung installiert ist. Es fragt auch: Wem gehören die Anlagen? Wo werden Gewinne versteuert? Wer erhält Pachten, Aufträge und Arbeitsplätze? Und wie viel Entscheidungsmacht bleibt in der Region?

Kurz gesagt: Ostfriesland ist zweifellos Energiestandort. Ob es auch in entsprechendem Maß von der Energieerzeugung profitiert, lässt sich mit damit aber noch nicht beantworten.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Mit Alterric, ENOVA, den Stadtwerken Emden und Terravent haben mehrere relevante Akteure ihren Sitz in Ostfriesland. Ihre regionale Herkunft sagt allerdings noch nicht, wo ihre Anlagen stehen oder wohin deren Erträge fließen.
  • Große Produktionsanlagen in der Region gehören auch auswärtigen oder ausländischen Konzernen: Statkraft ist norwegisch, Vermilion kanadisch, Ørsted dänisch. Beim Weeneraner Ersatzbrennstoffkraftwerk ist die süddeutsche Klingele-Gruppe Betreiberin.
  • ENOVA bleibt ein ostfriesisch geprägtes Unternehmen. Bei der neuen Windparkplattform ENOVA Generation ist seit August 2026 jedoch Sosteneo, ein Unternehmen aus dem Umfeld von Generali Investments, Mehrheitsgesellschafter. Die Plattform umfasst elf deutsche Windparks mit zusammen rund 350 Megawatt und soll auf bis zu ein Gigawatt wachsen.
  • Der Offshore-Windpark Borkum Riffgrund 3 nahm Ende August 2026 den kommerziellen Betrieb auf. Seine 83 Anlagen leisten zusammen 913 Megawatt. Betrieben wird der Park von Ørsted und Nuveen Infrastructure; der Betriebsstandort Norddeich verbindet das Projekt mit Ostfriesland. Der Windpark selbst liegt rund 70 Kilometer vor der Küste.
  • Der 320-Megawatt-Elektrolyseur von EWE in Emden ist ein bedeutendes Zukunftsprojekt, aber noch keine laufende Erzeugungsanlage. Die Inbetriebnahme ist für 2027 vorgesehen. Auch weitere Wasserstoffvorhaben dürfen nicht mit bereits laufender Produktion verwechselt werden.
  • Eine belastbare regionale Energiebilanz braucht ein Anlageninventar: jede Anlage, ihre Leistung, ihre juristische Betreibergesellschaft, deren Eigentümer und die Standortkommune. Erst darauf lässt sich eine Wertschöpfungsanalyse aufbauen.

Was in diesem Dossier als Energieerzeuger gilt

Ein Windradhersteller ist nicht automatisch Stromproduzent. Ein Projektentwickler kann Anlagen planen und später verkaufen. Ein Betriebsführer wartet Anlagen, ohne deren Eigentümer zu sein. Und Wasserstoff ist keine primäre Energiequelle, sondern ein Energieträger, für dessen Herstellung Strom eingesetzt wird.

Das Dossier unterscheidet deshalb fünf Rollen:

  1. Hersteller: baut Anlagen oder Komponenten.
  2. Projektentwickler: plant und realisiert Energieprojekte.
  3. Eigentümer oder Investor: hält Anteile an Anlagen oder Projektgesellschaften.
  4. Betreiber: trägt die rechtliche und wirtschaftliche Verantwortung für den Betrieb.
  5. Betriebsführer oder Dienstleister: übernimmt technische oder kaufmännische Aufgaben.

Ein Unternehmen kann mehrere dieser Rollen zugleich einnehmen. Entscheidend ist die Betrachtung der einzelnen Anlage und ihrer Betreibergesellschaft – nicht allein das Firmenlogo am Bürogebäude.

Die Akteure mit Sitz in Ostfriesland

Alterric, Aurich

Alterric entstand 2021 aus den Windenergieaktivitäten der Aloys-Wobben-Stiftung und der EWE. Das Unternehmen entwickelt, baut und betreibt Wind- und zunehmend auch Solarprojekte. Nach eigenen Angaben hält Alterric ein Bestandsportfolio von mehr als 2.500 Megawatt und eine Projektpipeline von mehr als 11.000 Megawatt. Im August 2026 erhöhte das Unternehmen seine syndizierte grüne Kreditlinie auf 350 Millionen Euro.

Damit ist Alterric ein großer Stromerzeuger mit Hauptsitz in Aurich. Die genannten 2.500 Megawatt sind jedoch ein europäisches Gesamtportfolio und keine Angabe zur in Ostfriesland installierten Leistung. Für eine regionale Bilanz müssen die einzelnen Anlagen und Projektgesellschaften herausgelöst werden.

Offene Fragen: Welche Alterric-Anlagen stehen in Ostfriesland? Welche Gesellschaften betreiben sie? In welchen Kommunen fallen Gewerbesteuer, Pachten und Aufträge an?

ENOVA Power, Bunderhee und Hamburg

ENOVA entwickelt Windparks, beteiligt sich an ihnen, übernimmt Betriebsführung und setzt auf Repowering. Die Gruppe bezeichnet sich selbst als inhabergeführt und ist seit 1989 im Markt. Sie hat nach eigenen Angaben rund 1.800 Megawatt Windenergieleistung genehmigt bekommen und betreut als Dienstleister Hunderte Anlagen.

Seit August 2026 ist die Eigentumsfrage komplizierter: ENOVA Value verkaufte elf deutsche Windparks mit zusammen rund 350 Megawatt an die neu gegründete ENOVA Generation GmbH. Mehrheitsgesellschafter der Plattform ist Sosteneo SGR, Teil von Generali Investments. ENOVA bleibt beteiligt und übernimmt Aufgaben für die Plattform. Das Zielportfolio liegt bei bis zu einem Gigawatt.

Der Vorgang ist ein gutes Beispiel dafür, warum Unternehmenssitz, Betreiberrolle und Kapitalbesitz getrennt betrachtet werden müssen. Aus regionaler Expertise kann eine überregionale Anlageklasse für internationale Investoren werden.

Offene Fragen: Welche der elf Windparks liegen in Ostfriesland? Wie hoch ist der ENOVA-Anteil an der neuen Plattform? Welche Erträge und Steuerzahlungen verbleiben an den Anlagenstandorten und am Unternehmenssitz?

Stadtwerke Emden

Die Stadtwerke Emden sind der eindeutigste kommunale Erzeuger in dieser Übersicht. Sie betreiben Windenergieanlagen im Larrelter Polder und in Borssum sowie Blockheizkraftwerke, die Strom und Wärme erzeugen. Im Geschäftsbericht 2025 weisen sie 63,2 Millionen Kilowattstunden Windstrom aus. Hinzu kommen Beteiligungen an Emder Wind- und Solarprojektgesellschaften.

Kommunales Eigentum erhöht die Chance, dass Überschüsse und strategische Entscheidungen vor Ort wirksam werden. Es beantwortet aber noch nicht, welcher Anteil der Wertschöpfung nach Finanzierung, Betriebskosten und Beteiligungen tatsächlich bei der Stadt ankommt.

Offene Fragen: Welche Ergebnisbeiträge liefern die einzelnen Anlagen? Welche Gewinne werden ausgeschüttet oder reinvestiert? Welche lokalen Firmen erhalten Betriebs- und Wartungsaufträge?

Terravent, Leer

Terravent ist in Windenergie, Photovoltaik, Immobilien und Schifffahrt tätig. Das Unternehmen entwickelt, realisiert und verwaltet Energieprojekte; Anlagen werden regelmäßig über eigene Projekt- und Betreibergesellschaften gehalten.

Frühere Angaben von knapp einem Gigawatt bezogen sich auf kumuliert projektierte Windenergieleistung. Sie dürfen weder als aktueller Anlagenbestand noch als in Ostfriesland betriebene Leistung verstanden werden.

Offene Fragen: Welche Projektgesellschaften gehören heute unmittelbar oder mittelbar zu Terravent? Wo liegen ihre Anlagen, und wer hält neben Terravent weitere Anteile?

Große Produktionsstandorte auswärtiger Unternehmen

Statkraft in Emden

Statkraft betreibt in Emden ein Biomasseheizkraftwerk, das hauptsächlich Altholz einsetzt. Die Anlage verfügt über rund 20 Megawatt elektrische Leistung, erzeugt nach Unternehmensangaben ungefähr 120 Gigawattstunden Strom im Jahr und liefert Wärme an das Volkswagenwerk. Der norwegische Staatskonzern ist damit ein bedeutender tatsächlicher Energieerzeuger am Standort Emden.

Daneben steht ein Gaskombikraftwerk mit rund 450 Megawatt installierter Leistung. Es befindet sich seit 2012 in Kaltreserve und ist daher keine regulär laufende Stromerzeugung. Von Statkraft angekündigte Elektrolyseprojekte sind ebenfalls von der gegenwärtigen Produktion zu trennen.

Offene Fragen: Wie viel Gewerbesteuer entsteht am Standort? Wie haben sich Brennstoffmix, Wärmeabnahme und Auslastung entwickelt? Aus welchen Regionen stammt das eingesetzte Altholz?

Vermilion Energy bei Leer und am Uphuser Meer

Vermilion fördert Erdgas aus Lagerstätten bei Leer und nordöstlich von Emden am Uphuser Meer. Im Feld Leer sind nach Unternehmensangaben drei Bohrungen aktiv. Vermilion ist damit ein fossiler Energieproduzent in Ostfriesland, hat seinen Unternehmenssitz jedoch außerhalb der Region.

Erdgasförderung gehört in eine vollständige Energiebilanz – gerade weil eine Erzählung vom „grünen Energieland“ sonst einen weiterhin vorhandenen fossilen Teil ausblendet.

Offene Fragen: Wie groß sind aktuelle und erwartete Fördermengen? Welche Abgaben und Gewerbesteuern fließen an Bund, Land und Kommunen? Welche Rückstellungen bestehen für Stilllegung und Nachsorge?

Klingele-Papierwerk in Weener

Das Ersatzbrennstoff-Heizkraftwerk versorgt die Papierfabrik mit Prozessdampf und Strom. Nach Angaben des Unternehmens deckt es etwa 90 Prozent des thermischen und elektrischen Energiebedarfs des Werks und ersetzt ungefähr 32 Millionen Kubikmeter Erdgas im Jahr.

Die Anlage sollte nicht verkürzt als Biomassekraftwerk bezeichnet werden. Ersatzbrennstoffe können sowohl biogene als auch fossile Bestandteile enthalten. Sie ist vor allem ein Beispiel industrieller Eigenenergieerzeugung und Abfallverwertung.

Offene Fragen: Wie setzt sich der Brennstoff tatsächlich zusammen? Wie hoch sind Stromproduktion, Eigenverbrauch, Einspeisung und Emissionen? Woher kommen die Ersatzbrennstoffe?

Ørsted in Norden-Norddeich

Norddeich ist Betriebs-, Wartungs- und Logistikstandort für Offshore-Windparks. Die eigentliche Stromerzeugung findet auf See statt. Deshalb gehört Ørsted zur ostfriesischen Energiewirtschaft, aber nur mit geografischer Erläuterung zur Energieerzeugung „in Ostfriesland“.

Neu ist der kommerzielle Betrieb von Borkum Riffgrund 3 seit Ende August 2026. Der Windpark liegt rund 70 Kilometer vor der Küste, umfasst 83 Anlagen und erreicht 913 Megawatt. Eigentümer sind Ørsted und Nuveen Infrastructure. Ørsted betreibt nun sechs Offshore-Windparks in der deutschen Nordsee.

Die Größe des Projekts ist beeindruckend. Für die regionale Bilanz ist aber entscheidend, welche Beschäftigung, Hafenumsätze, Wartungsaufträge, Gewerbesteuern oder Beteiligungsmöglichkeiten tatsächlich in Ostfriesland ankommen.

Bedeutend für die Energiewirtschaft – aber nicht automatisch Energieproduzenten

Enercon, Aurich

Enercon ist Schlüsselunternehmen und Arbeitgeber der regionalen Windbranche. Das Unternehmen entwickelt, produziert, installiert und wartet Windenergieanlagen. Die von diesen Anlagen erzeugte Energie gehört grundsätzlich den jeweiligen Betreibern. Das eigene Projektentwicklungs- und Windparkgeschäft ging 2021 auf Alterric über. Enercon sollte deshalb nicht pauschal als ostfriesischer Stromproduzent geführt werden.

Brons Group, Emden

Die Brons Group ist in Handel, Hafenumschlag, Schifffahrt und maritimen Dienstleistungen tätig. Belegt ist ihre Beteiligung an Emder Wasserstoff- und Energieparkprojekten. Ein belastbarer Nachweis, dass die Gruppe selbst größere Wind- oder Solarparks betreibt, liegt bislang nicht vor.

GP JOULE

GP JOULE entwickelt und betreibt Wind-, Solar-, Wärme- und Wasserstoffprojekte und ist Partner bei Projekten in Emden. Der Unternehmenssitz liegt jedoch in Reußenköge in Nordfriesland. Eine Projektbeteiligung in Emden macht das Unternehmen nicht zu einem ostfriesischen Unternehmen.

Wasserstoff: große Pläne, bislang vor allem Baustellen

EWE-Elektrolyseur in Emden

EWE errichtet in Emden eine Elektrolyseanlage mit 320 Megawatt Leistung. Der Baustart erfolgte 2025; die Inbetriebnahme ist nach bisheriger Planung für 2027 vorgesehen. Die Anlage soll jährlich ungefähr 26.000 Tonnen grünen Wasserstoff erzeugen. EWE hat seinen Sitz in Oldenburg. Der Elektrolyseur ist daher ein künftiger Produktionsstandort in Ostfriesland, aber kein ostfriesisches Unternehmen und noch kein laufender Produzent.

H2NORD und Energiepark Emden

H2NORD wurde mit regionalen und überregionalen Partnern gegründet. Vorgesehen waren zunächst zehn Megawatt Elektrolyseleistung, später bis zu 50 Megawatt, sowie ein Solarpark mit bis zu 94 Megawatt. Belegt sind Planungs- und Förderphasen, darunter eine Förderzusage über acht Millionen Euro.

Ein aktueller, belastbarer Nachweis für die angekündigte laufende Wasserstofferzeugung liegt bislang nicht vor. Das widerlegt das Projekt nicht. Es bedeutet lediglich: H2NORD gehört derzeit unter geplant beziehungsweise Status offen, nicht unter produziert.

Statkrafts Wasserstoffpläne

Statkraft plante am Emder Standort einen kleineren Elektrolyseur für den regionalen Verkehrssektor sowie langfristig eine Anlage mit bis zu 200 Megawatt. Auch hier gilt: Projektankündigung, Förderbescheid, Baubeginn und kommerzieller Betrieb sind vier unterschiedliche Stufen.

Unternehmensmatrix: der derzeitige Stand

AkteurRegionaler BezugRolleStatusEigentums- oder Abgrenzungshinweis
AlterricHauptsitz AurichEntwickler, Eigentümer, BetreiberproduziertGesamtportfolio überwiegend außerhalb Ostfrieslands; regionale Anlagen einzeln erfassen
ENOVABunderhee/HamburgEntwickler, Investor, Betriebsführerproduziert/beteiligtneue 350-MW-Plattform mehrheitlich bei Sosteneo/Generali
Stadtwerke EmdenSitz und Anlagen in Emdenkommunaler Betreiberproduziertstärkste unmittelbare regionale Verankerung
TerraventSitz LeerEntwickler, Investorproduziert/beteiligtProjektgesellschaften und aktueller Bestand noch aufzuschlüsseln
StatkraftProduktionsstandort EmdenBetreiberproduziertnorwegischer Staatskonzern; Gaskraftwerk nur Kaltreserve
VermilionFelder bei Leer und EmdenBetreiber/Fördererproduziertkanadisches Unternehmen; fossile Förderung
KlingeleWerk Weenerindustrieller EigenversorgerproduziertErsatzbrennstoffe, kein reines Biomassekraftwerk
ØrstedBetriebsstandort NorddeichOffshore-BetreiberproduziertErzeugung auf See; dänischer Konzern, Partner Nuveen
EnerconHauptsitz AurichHersteller und Servicekein eindeutiger ProduzentErzeugung gehört Anlagenbetreibern
Brons GroupSitz EmdenInvestor/ProjektpartnerStatus offeneigener größerer Erzeugungsbetrieb nicht belegt
GP JOULEProjekte in EmdenEntwickler/BetreiberprojektbezogenSitz in Nordfriesland
EWEBaustelle in Emdenkünftiger Betreiberim Bau320-MW-Elektrolyseur, geplant ab 2027
H2NORDProjekt EmdenProjektgesellschaftStatus offenkein belastbarer aktueller Betriebsnachweis

Die entscheidende Leerstelle: regionale Wertschöpfung

Installierte Megawatt sind leicht zu kommunizieren. Für die Region sind andere Zahlen mindestens ebenso wichtig:

  • Eigentumsanteile an den Betreibergesellschaften
  • Gewerbesteuer nach Zerlegung auf Betriebs- und Sitzgemeinden
  • Pachtzahlungen an private und öffentliche Grundeigentümer
  • kommunale Beteiligungen und Gewinnausschüttungen
  • Zahl, Qualität und Dauer regionaler Arbeitsplätze
  • Aufträge für Bau, Hafen, Logistik, Wartung und Dienstleistungen
  • Fördermittel und öffentliche Infrastrukturkosten
  • Rückbau-, Entsorgungs- und Nachsorgepflichten
  • Herkunft des eingesetzten Kapitals und Ziel der Gewinnausschüttungen

Ohne diese Angaben bleibt „Wertschöpfung in der Region“ häufig eine Behauptung aus Pressemitteilungen. Sie kann stimmen – muss aber für jede Anlage belegt werden.

So entsteht die belastbare Energiekarte Ostfrieslands

Der nächste Rechercheschritt ist ein vollständiges Anlageninventar für die kreisfreie Stadt Emden sowie die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund. Offshore-Anlagen sollten in einer eigenen Kategorie geführt werden, weil sie außerhalb der kommunalen Grenzen liegen, aber Häfen und Betriebsstandorte in der Region nutzen.

Für jede Anlage werden mindestens benötigt:

  1. Standort und Geokoordinaten
  2. Energieträger und Anlagentyp
  3. Brutto- und Nettoleistung
  4. Inbetriebnahme- und gegebenenfalls Stilllegungsdatum
  5. juristische Betreibergesellschaft
  6. unmittelbare und wirtschaftlich Berechtigte Eigentümer
  7. Betriebsführer und wichtigste Dienstleister
  8. tatsächliche Jahresproduktion statt bloßer Nennleistung
  9. kommunale Beteiligung, Pachten und bekannte Steuerwirkung
  10. Fördermittel, Netzanschluss und Abregelung

Als Ausgangspunkt eignet sich das Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur. Seine Anlagendaten müssen mit Handelsregisterunterlagen, Jahresabschlüssen, kommunalen Beteiligungsberichten, Genehmigungsakten und Unternehmensangaben verbunden werden. Eine einzelne Datenbank wird die Eigentums- und Geldflüsse nicht erzählen. Schade eigentlich – das wäre zu bequem gewesen.

Offene Recherchefragen

  • Wie viel Strom und Wärme wird innerhalb Ostfrieslands tatsächlich pro Jahr erzeugt – getrennt nach Wind, Solar, Biomasse, Ersatzbrennstoff, Erdgas und Kraft-Wärme-Kopplung?
  • Wie viel davon wird vor Ort verbraucht, exportiert oder wegen Netzengpässen abgeregelt?
  • Welche Anlagen gehören Kommunen, Bürgerenergiegesellschaften oder regionalen Unternehmen?
  • Welche Projektgesellschaften haben lediglich einen Briefkastensitz in der Region?
  • Wie hoch sind die Gewerbesteuereinnahmen der vier Gebietskörperschaften aus Energieprojekten?
  • Welche Windparks erhielten Repowering-Genehmigungen, und wie verändern sich Eigentum, Leistung und Pachtmodelle?
  • Welche Wasserstoffprojekte haben die Stufen Förderzusage, Investitionsentscheidung, Bau und Betrieb tatsächlich erreicht?
  • Welche öffentlichen Kosten entstehen für Straßen, Häfen, Netze, Flächenvorsorge und Genehmigungsverfahren?
  • Welche Rückbau- und Recyclingkonzepte bestehen für Windräder, Solarmodule, Batterien und Elektrolyseure?

Vorläufiges Fazit

Ostfriesland verfügt über Wind, Flächen, Häfen, Netzknoten, Industrie und jahrzehntelange technische Erfahrung. Das macht die Region zu einem wichtigen Ort der deutschen Energiewende. Es macht sie aber nicht automatisch zur wirtschaftlichen Gewinnerin.

Die bisherige Recherche zeigt ein gemischtes Bild: kommunale Erzeugung in Emden, regional gewachsene Firmen mit großen Portfolios, industrielle Eigenversorgung, fossile Förderung, ausländische Konzerne und ein wachsender Zufluss institutionellen Kapitals. Hinzu kommen Wasserstoffprojekte, deren öffentliche Erzählung der tatsächlichen Produktion teilweise Jahre vorausläuft.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Wie viel Energie entsteht hier? Sondern: Wer besitzt die Anlagen, entscheidet über sie und zieht welchen Nutzen daraus? Dieses Dossier wird mit dem Anlageninventar fortgeschrieben.

Quellen und weiterführende Unterlagen

Transparenzhinweis

Die Leistungs-, Produktions- und Projektangaben stammen überwiegend aus Geschäftsberichten und Mitteilungen der beteiligten Unternehmen. Sie belegen, was die Unternehmen öffentlich angeben; sie ersetzen keine unabhängige Prüfung von Produktion, Eigentumsverhältnissen, Steuerwirkung oder regionaler Wertschöpfung. Der Recherchestand wird korrigiert und ergänzt, sobald neue Unterlagen vorliegen.