Serie – Solidarische Landwirtschaft

Ich hatte ja schon darüber geschrieben, dass ich das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft interessant finde und durch einen Artikel in einem Buch darauf aufmerksam wurde. Umso erfreuter war ich, als ich erfuhr, dass es einen solchen Betrieb auch in Emden gibt. Genauer: in Wybelsum.

Das Prinzip ist einfach: Menschen kaufen nicht einzelne Lebensmittel, sondern tragen gemeinsam einen landwirtschaftlichen Betrieb oder eine Gärtnerei. Dafür erhalten sie einen Anteil an der Ernte. Die Lebensmittel sind also nicht nur eine Ware, die anonym über das Kassenband rollt. Stattdessen entsteht eine direkte Beziehung zwischen denen, die Lebensmittel erzeugen, und denen, die sie essen.

Das hat mich auch deshalb interessiert, weil ich mich gerade mit Trockenheit, Dürre und Wasserfragen in der Region beschäftige. Landwirtschaft hängt am Wetter, am Boden, am Wasser — und damit an Bedingungen, die sich spürbar verändern. Wenn die Ernte gut ist, ist das unkompliziert. Wenn aber Trockenheit, Starkregen oder andere Wetterextreme die Erträge beeinflussen, stellt sich eine sehr praktische Frage: Wer trägt eigentlich das Risiko?

Bei der solidarischen Landwirtschaft lautet die Antwort: nicht der Hof allein. Risiko, Kosten und Verantwortung werden geteilt. Die Mitglieder finanzieren den Betrieb mit und erhalten dafür ihren Ernteanteil. So entsteht für die Landwirtinnen und Landwirte mehr Planungssicherheit. Gleichzeitig wird für die Mitglieder sichtbar, was Landwirtschaft bedeutet: nicht nur schöne Möhren im Korb, sondern auch Arbeit, Unsicherheit, Bodenpflege, Wetterabhängigkeit und manchmal eben krumme Gurken. Auch die schmecken bekanntlich.

Nach der Lektüre habe ich weitergesucht: Gibt es so etwas eigentlich auch hier in Ostfriesland?

Und dann stieß ich ausgerechnet auf einen Hof in Wybelsum — also direkt in Emden: den Solidarischen Hof Wybelsum. Nach eigenen Angaben handelt es sich um einen kleinen Demeter-Betrieb, der seit den 1960er Jahren biologisch-dynamisch bewirtschaftet wird. Auf rund 18 Hektar Land direkt hinter dem Deich zum Dollart wachsen Feingemüse, Kartoffeln und Getreide; außerdem gehören eine kleine Mutterkuhherde und Legehennen im Mobilstall zum Hof.

Die solidarische Hofgemeinschaft wurde 2018 gegründet. Anfangs konnten 30 Ernteanteile vergeben werden, inzwischen sind es nach Angaben des Hofes mehr als 50. Die Mitglieder erhalten saisonales Gemüse aus der Region und holen es wöchentlich auf dem Hof ab. Der Beitrag wird nicht einfach als fester Preis verstanden, sondern über ein Bietverfahren mit Richtwert ermittelt. Wer weniger zahlen kann, bietet weniger; wer mehr tragen kann, ermöglicht anderen das Mitmachen.

Auch das ist ein interessanter Punkt. Solidarische Landwirtschaft ist nicht nur eine andere Art, Gemüse zu beziehen. Sie ist auch ein kleiner Gegenentwurf zur üblichen Logik der Preisgestaltung: hier Produzent, dort Kunde, dazwischen der Preis, gestaltet durch einen anonyme und oft auch intransparente Marktlogik. In Wybelsum wird diese Beziehung anders gedacht — näher, verbindlicher, regionaler.

Natürlich kann ein einzelner Hof nicht die gesamte Lebensmittelversorgung einer Stadt sicherstellen. Das wäre auch ein wenig viel verlangt. Aber als Beispiel ist es stark. Es zeigt, dass ein so wesentlicher Bereich wie die Landwirtschaft auch ganz anders funktionieren kann, als wir sie üblicherweise kennen. Und zwar auf mehreren Ebenen: Sozial, nachhaltig und gesund. Und das direkt vor der Haustür.

Eine Interviewanfrage an den Hof ist gestellt. Bis dahin stützt sich dieser Beitrag vor allem auf die öffentlich zugänglichen Informationen des Solidarischen Hofes Wybelsum und des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft.

Für Stadtwalk bleibt das Thema jedenfalls auf der Liste. Denn manchmal führt ein kurzer Buchbeitrag nicht in die Ferne, sondern ziemlich direkt vor die eigene Haustür. In diesem Fall: nach Wybelsum.

Links zum Thema

Werkzeugkasten der Zukunft
Das Buch aus dem Katapult-Verlag stellt 150 innovative Ideen für eine bessere Welt vor. Der Beitrag über solidarische Landwirtschaft war der Ausgangspunkt für diese Recherche.
https://katapult-verlag.de/programm/werkzeugkasten-der-zukunft-150-innovative-ideen-fur-eine-bessere-welt

Netzwerk Solidarische Landwirtschaft
Das Netzwerk erklärt das Grundprinzip der solidarischen Landwirtschaft: Eine Hofgemeinschaft finanziert gemeinsam einen landwirtschaftlichen Betrieb und teilt die Ernte.
https://www.solidarische-landwirtschaft.org/startseite/

Was ist solidarische Landwirtschaft?
Eine kurze Einführung des Netzwerks in Idee, Finanzierung, Ernteanteile und gemeinschaftliche Verantwortung.
https://www.solidarische-landwirtschaft.org/das-konzept/was-ist-solawi/

Solidarischer Hof Wybelsum
Der lokale Bezug für Emden: saisonales Gemüse, Hofgemeinschaft und solidarische Landwirtschaft direkt in Wybelsum.
https://www.solidarischer-hof-wybelsum.de/

Informationen zur Hofgemeinschaft
Angaben des Hofes zur solidarischen Gemeinschaft, zu Ernteanteilen und zur Entwicklung seit 2018.
https://www.solidarischer-hof-wybelsum.de/?page_id=79