Queerpolitik vor Ort: Diskussion im OLME

Sichtbarkeit, Orga und das liebe Geld

Am Abend des 17. Juni fand im Emder Ostfriesischen Landesmuseum (OLME) im Rahmen des Pride Month eine queerpolitische Debatte statt. Moderiert wurde der Abend von Thomas Wilde vom VNB Göttingen. Auf dem Podium saßen Vertreter:innen des Queeren Netzwerks Ostfriesland sowie Kommunalpolitiker:innen verschiedener Parteien: Hendrik Küpker von der GfE, Wilke Held von der CDU, Benjamin Mogk von den Linken, Darinka Herrmann von den Grünen und Detlef Warnecke von der SPD. Auffällig war auch eine Leerstelle: Von der FDP war, soweit ich es wahrgenommen habe, niemand vertreten.

Der Abend begann mit Vorstellungsrunden. Fast Vereinsroutine. Tatsächlich wurde aber schon hier deutlich, worum es an diesem Abend ging: nicht um abstrakte Debattenbegriffe sondern um Menschen, Biografien, Erfahrungen, ehrenamtliche Arbeit, Beratungsstrukturen, Schutzräume und um die Frage, ob eine Region wie Ostfriesland queere Menschen nur gelegentlich sichtbar macht oder ihnen dauerhaft verlässliche Unterstützung bietet.

Aus dem Vorstand des Queeren Netzwerks Ostfriesland stellten sich Timo Rabenstein, Janik Daniels und Sandra Kramp vor. Rabenstein und Daniels stehen für viele Jahre queerer Arbeit in Ostfriesland: Aufklärung, Gruppenarbeit, Prävention, CSD-Organisation, Vernetzung. Man merkt solchen Lebensläufen an, was es konkret bedeutet, sich für eine queere Community zu engagieren. Hier wurde über Arbeit gesprochen. Über viel Arbeit. Meist ehrenamtlich, oft mit begrenzten Mitteln, aber offenbar mit großer Ausdauer.

Am stärksten berührt hat mich der Beitrag von Sandra Kramp. Sie erzählte, wie sie über ihr eigenes Kind zur queeren Community fand. Erst ging es um die Suche nach einer Anlaufstelle, nach Orientierung, nach Menschen, die zuhören und nicht sofort sortieren, bewerten oder korrigieren wollen. Aus dieser Suche wurde Engagement. Heute ist Kramp selbst im Vorstand des Netzwerks aktiv. Gerade dieser Perspektivwechsel war überzeugend: von der Mutter, die Unterstützung sucht, zur Frau, die andere unterstützt.

Solche Beiträge machen deutlich, dass Queerpolitik nicht erst dort beginnt, wo Parlamente über Gesetze abstimmen. Sie beginnt viel früher: bei einem Jugendlichen, der sich nicht erklären kann oder nicht erklären will. Bei Eltern, die plötzlich merken, dass auch sie Hilfe brauchen, wenn Wissen, Sprache und Anlaufstellen fehlen. Bei Ehrenamtlichen, die Räume offenhalten, Gespräche führen, Gruppen organisieren und dabei Aufgaben übernehmen, die eigentlich längst besser abgesichert sein müssten.

Besonders eindrücklich war auch der Beitrag einer intergeschlechtlichen Person, die sich selbst als dem dritten Geschlecht zugehörig beschrieb. Diese Perspektive nimmt auch innerhalb der queeren Community eine besondere Stellung ein. Während lesbische, schwule, bisexuelle oder trans Personen inzwischen zumindest häufiger öffentlich vorkommen, bleiben intergeschlechtliche Menschen oft fast unsichtbar. Ihre Erfahrungen passen schlecht in einfache Debattenmuster. Sie zeigen, dass die Vorstellung von zwei klar getrennten biologischen Geschlechtern nicht nur sozial eng, sondern auch medizinisch und körperlich unvollständig ist. Die Wirklichkeit ist komplexer als Formulare und Alltagsverstehen es suggerieren.

Im weiteren Verlauf ging es um Fragen, die sich aus dem Alltag queerer Menschen in Emden und Ostfriesland ergeben: Sichtbarkeit, Prävention, Jugendarbeit, sichere Treffpunkte, Beratung und Finanzierung. Auch ein Runder Tisch wurde angeregt. Das klingt zunächst nach einem dieser trockenen kommunalen Begriffe, die eher etwas angestaubt nach „Schwafelrunde“ klingen. Aber sinnvoll eingerichtet wäre ein solcher Runder Tisch ein verbindlicher Austausch zwischen Netzwerk, Stadt, Politik, Verwaltung, Jugendarbeit, Schulen und weiteren Trägern. Der Hannoveraner Runde Tisch wurde hier als positives Beispiel genannt.

Denn genau hier liegt der Kern. Queere Arbeit darf nicht davon abhängen, ob gerade engagierte Einzelpersonen Zeit, Kraft und Nerven übrig haben. Sichtbarkeit im Pride Month ist wichtig. Regenbogenflaggen sind nicht nichts. Ein CSD ist nicht nur bunt, sondern ein politisches Zeichen. Aber danach beginnt der Alltag. Und Alltag braucht Strukturen: Räume, Ansprechpersonen, Geld, Zuständigkeiten, Fortbildungen, Prävention, Kontinuität.

Für mich war dieser Abend weniger eine Debatte im klassischen Sinn als eine lokale Bestandsaufnahme. Wer macht diese Arbeit eigentlich? Wer trägt sie? Wer braucht sie? Und wer ist politisch bereit, sie nicht nur freundlich zu loben, sondern konkret zu unterstützen?

Der Diskussionscharakter des Abends war trotzdem da. Es wurden nicht nur vorbereitete Statements abgegeben, sondern auch Fragen aus dem Alltag queerer Menschen aufgegriffen: Sichtbarkeit, Prävention, Finanzierung, Jugendarbeit, Räume, Zuständigkeiten. Zugleich war der Abend für die anwesenden Politiker:innen natürlich auch eine Bühne. Kommunalpolitik kommt selten völlig ohne Selbstdarstellung aus, und in Wahlkampfzeiten schon gar nicht. Man merkte, dass hier nicht nur zugehört, sondern auch Position bezogen, Zustimmung signalisiert und politische Anschlussfähigkeit gezeigt wurde.

Das ist nicht automatisch verwerflich. Demokratie besteht auch daraus, dass Menschen öffentlich sagen müssen, wofür sie stehen. Interessant wurde es aber dort, wo sich zeigte, wer konkret wurde und wer eher im freundlich Allgemeinen blieb. Queere Politik lässt sich leicht mit Worten unterstützen: Respekt, Vielfalt, Toleranz, Offenheit. Schwieriger wird es, wenn daraus verlässliche Strukturen werden sollen — etwa feste Ansprechpartner:innen, Räume, finanzielle Unterstützung, Präventionsarbeit oder ein Runder Tisch, der nicht nur angekündigt, sondern auch tatsächlich arbeitsfähig gemacht wird.