Im Kräftefeld der Gruppe – Kurt Lewin und die Praxis der Demokratie

Prof. Dr. Annika Wolf über Feldtheorie, Gruppendynamik und demokratische Praxis

Wenn Prof. Dr. Annika Wolf von „Gruppen als Lernorte gelebter Demokratie“ spricht, knüpft sie an einen Klassiker der Sozialwissenschaften an: Kurt Lewin, den Pionier der modernen Sozialpsychologie und Begründer der Feldtheorie. Lewin hat gezeigt, dass Gruppen keine bloßen Aggregationen von Individuen sind, sondern dynamische Kräftefelder, in denen Verhalten entsteht. Seine zentrale Einsicht lautet: Verhalten ist keine Eigenschaft isolierter Personen, sondern ein Produkt der wechselseitigen Beziehung zwischen Individuum und Umfeld – oft formuliert in der Gleichung B = f(P, E).

Lewin begann seine akademische Laufbahn in Berlin und entwickelte später in den USA Konzepte wie Gruppendynamik, Aktionsforschung und Feldtheorie weiter. Er war davon überzeugt, dass soziale Prozesse nicht nur beschrieben, sondern praktisch gestaltet werden müssen. Seine Forschung in kleinen Gruppen führte unter anderem zu Studien über Führungsstile und demokratische Entscheidungsprozesse.

Diese Perspektive ist auch für Wolfs Ansatz zentral: Entscheidend ist nicht allein, was Individuen denken, sondern wie sie sich in ihren sozialen Feldern bewegen und wie diese Felder gestaltet werden können – seien es Arbeitsgruppen, Teams oder ganze Organisationen. Wolf bringt in diese Diskussion ihre eigene interdisziplinäre Erfahrung ein: als Wirtschaftswissenschaftlerin mit rechtswissenschaftlicher Promotion, systemischer Coach und Mediatorin. Sie beschäftigt sich mit nachhaltiger Transformation und resilienter Organisationsentwicklung – also mit der Frage, wie soziale Felder so eingerichtet werden können, dass Partizipation, klare Kommunikation und Lernprozesse möglich werden.

In ihrer Lehre und Praxis setzt Wolf auf dynamische, interaktive Formate, die Gruppendynamik nicht als Störfaktor, sondern als Ressource begreifen. Diese Haltung ist kein simpler Optimismus, sondern eine praktische Konsequenz aus Lewins Feldtheorie: Wenn Verhalten im Feld entsteht, lässt sich das Feld gestalten – und damit die Bedingungen, unter denen demokratische Praxis möglich wird.

Termin: Donnerstag, 26. Februar 2026, 18:00–20:15 Uhr
Eintritt: kostenfrei

Die Veranstaltung ist Teil der Emder Partnerschaft für Demokratie.