Wenn Plan B eigentlich Plan A ist
Ein warmer, sonniger Frühlingstag in Emden. Ich habe den Termin mit Mona Bürger ein paar Tage zuvor verabredet und fahre mit dem Fahrrad zur Martin-Luther-Gemeinde an der Bollwerkstraße. Dort ist Bürger Pastorin im Pfarramt I; neben ihr gehört auch Pastorin Bonna van Hove zum pastoralen Team der Gemeinde. Das Gemeindebüro, der Küster und die Kirchenmusik sind ebenfalls an diesem Ort untergebracht. Die Bollwerkstraße ist also ein kleiner kirchlicher Knotenpunkt.
Vor dem Gemeindehaus schließe ich mein Rad an. Eltern kommen mit ihren Kindern und gehen in Richtung Gemeindesaal. Heute ist Kinderchor. Eltern bringen ihre Kinder; viel Hallo, viele freundliche Begrüßungen.
Da kommt mir Mona Bürger schon entgegen, begrüßt mich und winkt gleich danach noch jemandem drüben am Gemeindesaal zu. Wir gehen in ihr Büro. Es ist hell und geräumig, mit einer großen Bücherwand, einem großen Schreibtisch direkt am Fenster und Blick auf ein fast parkähnliches Stück Grün: Wiese, Bäume, Licht. Direkt am Fenster hängt ein durchsichtiges Vogelhäuschen. Während des Interviews wird es regelmäßig von einer Meise besucht, die sich von uns, kaum zwei Meter entfernt, nicht im Geringsten stören lässt. Nur ab und zu schaut sie kurz herein.
Wir setzen uns an eine Sitzecke mit Tisch. Die Atmosphäre ist locker. Mona Bürger bestätigt einen Eindruck, den ich aus den verstreuten Fundstücken im Internet und vor allem aus ihren Instagram-Beiträgen schon gewonnen hatte: eine sensible junge Frau, die offenbar gerne lacht und zugleich sehr nachdenklich ist. Wir beginnen mit etwas Smalltalk über das Vogelhäuschen, was aber schon sehr gut passt, denn auch Tiere gehören zu Mona Bürgers Geschichte.
Der Umweg vom Umweg ist der Weg
Mona Bürger wollte ursprünglich nicht Pastorin werden. Jedenfalls nicht sofort. Sie wollte mit Tieren arbeiten, oder besser gesagt: Menschen mit körperlichen, seelischen oder geistigen Beeinträchtigungen mithilfe einer tiergestützten Therapie helfen. Meist werden Hunde für diese spezielle Ausbildung eingesetzt. Dafür begann sie ein Studium der Heilpädagogik an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum. Zwei Semester lang.
Der Gedanke dahinter war ihr wichtig. Heilpädagogik interessierte sie, weil sie den Menschen als Ganzes betrachtet und nicht nur einzelne Defizite in den Blick nimmt. Aber sie merkte schnell: Das war nicht ihr Weg. Sie konnte sich selbst nicht in diesem Beruf sehen. Das Studium füllte sie nicht aus.
Es gab da ein anderes Thema, das noch etwas versteckt im Hintergrund lag.
Mona Bürger ist mit Kirche aufgewachsen. Ihre Mutter war über 30 Jahre Pastorin auf Norderney. Sie selbst hatte gute Religionslehrerinnen, interessierte sich früh für Texte, Glaubensfragen und Deutungen. Trotzdem wollte sie nicht einfach denselben Beruf ergreifen wie ihre Mutter. Vielleicht wollte sie nicht in die Fußstapfen der Mutter treten. Allerdings hatte auch die Mutter Bedenken, dass ihre Tochter diesen Weg einschlägt. Denn sie wusste, was es bedeutet, Pastorin zu sein.
Irgendwann sagte ihre beste Freundin den Satz, der für Bürger bis heute hängen geblieben ist: „Mona, brich endlich ab und mach Theologie.“ Das sind so Sätze, die dürfen nur ganz nahestehende Personen sagen, weil sie einen durchschütteln, ein bisschen schwindlig machen und einem plötzlich klar wird: Stimmt. Das muss ich machen.
Bürger brach also ab und begann, Theologie zu studieren. Auch wenn ihr klar war, dass jetzt viele Jahre eines anspruchsvollen Studiums vor ihr lagen.
Aufgewachsen mit Kirche
Ihre Eltern waren zunächst nicht begeistert, weil insbesondere ihre Mutter wusste, was der Beruf bedeutet: unregelmäßige Arbeitszeiten, Wochenendtermine, Abendveranstaltungen, ständige Ansprechbarkeit, Öffentlichkeit, Verantwortung. Dazu kommen die größeren kirchlichen Strukturfragen: weniger Mitglieder, weniger Ressourcen, mehr Aufgaben für weniger Menschen.
Mona Bürger beschreibt diese Bedenken ihrer Eltern vor allem als Sorge.
Sie ist auf Norderney aufgewachsen. Ein Inselpfarramt sei noch einmal anders als ein Pfarramt auf dem Festland, sagt sie. Aber schon als Kind nahm sie wahr, wie sehr dieser Beruf den Alltag prägt. Wochenenden waren nicht einfach frei. Wenn man durch den Ort ging, blieb man regelmäßig stehen, weil Menschen ihre Mutter ansprachen und nie klar war, wann man wirklich dort ankam, wo man hinwollte. Pastorin zu sein hieß also, eine Verbindung zwischen privatem und öffentlichem Leben finden zu müssen, die einen nicht überfordert.
Mona Bürger empfand das als Kind und Jugendliche allerdings nicht als belastend. Die Türen standen offen. Sie hatte früh Zugang zu kirchlichen Angeboten, war im Posaunenchor aktiv, erlebte Gemeinde als Ort der Begegnung. Vielleicht liegt hier schon eine Spur dessen, was sie heute ausmacht: die Fähigkeit, ohne Vorbehalte mit unterschiedlichen Menschen in Beziehung treten zu können.
„Gott kann das ab“
Das Theologiestudium begann Bürger in Münster. Später ging sie für ein Semester nach Wien und studierte auch in Tübingen. Die alten Sprachen waren mühsam, besonders Griechisch. Das Examen am Ende war hart. Aber sie bereute den Schritt nicht.
Im Gegenteil: Besonders im Hauptstudium fand sie das, wonach sie gesucht hatte: Texte, Sprachen, Auslegung, Diskussionen, eigene Schwerpunkte. Das Theologiestudium öffnete ihr Perspektiven, erweiterte ihren Blick und ermöglichte ihr eine selbstständige Interpretation von Texten. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Glauben machte ihn für sie tiefer und reicher.
Das ist ein zentraler Punkt in unserem Gespräch. Bürger erzählt nicht von einem Glauben, der vor Fragen geschützt werden muss wie empfindliches Porzellan im guten Zimmer. Sie erzählt von einem Glauben, der Fragen aushalten muss. Der sich verändert. Der durch unterschiedliche Interpretationen nicht kleiner, sondern größer wird.
Sie habe nie grundsätzlich an ihrem Glauben gezweifelt, sagt sie. Aber ihr Glaube habe sich verändert. Und sie erlebt es bis heute als Bereicherung, wenn biblische Texte, theologische Traditionen und Gottesbilder neu befragt werden.
Diese Offenheit prägt auch ihre Sprache. Gott muss für sie nicht immer nur männlich gedacht und angesprochen werden. Sie verwendet Begriffe wie „Heilige Geistkraft“. Sie sucht nach Worten, die nicht festschreiben, sondern Räume öffnen. Das ist kein sprachliches Beiwerk, keine modische Verzierung. Sprache verändert, was man sieht. Und was man glauben kann.
Ein liebender Gott
Bei aller Offenheit gibt es für Mona Bürger klare Grundpfeiler. Einer davon ist zentral: Gott ist für sie ein liebender Gott. Ein Gott, der befreit. Ein Gott, dessen Liebe größer ist als menschliches Verstehen.
Dieser Gott wird in Jesus Christus nahegebracht. Nicht als abstrakte Lehre, sondern als Zuwendung. Als Nähe. Als Menschwerdung. Auch die Hoffnung über den Tod hinaus gehört für sie dazu. Sie glaubt nicht, dass mit dem Tod alles aus ist. Sie spricht vom Himmel eher als von einem Ort oder Zustand von Geborgenheit, Frieden und Liebe und weiß zugleich, dass alle Worte dafür vorläufig bleiben. Ihr gefällt die englische Unterscheidung zwischen „sky“ und „heaven“, weil der zweite Begriff mehr Freiheit lässt.
An Hölle oder Fegefeuer als Straforte glaubt sie nicht. Auch wenn sie das menschliche Bedürfnis nach Gerechtigkeit versteht und es ihr nicht fremd ist. Gerade angesichts schweren Leids, angesichts von Gewalt und Schuld, wäre es zynisch, einfach von Vergebung zu sprechen. Mit der kirchlichen Rede von Vergebung sei viel Schaden angerichtet worden, besonders dort, wo Opfer unter moralischen Druck gesetzt wurden.
Bürger hält daran fest, dass Gottes Gerechtigkeit nicht unsere Gerechtigkeit ist. Das löst nicht alle Fragen. Es verschiebt sie auch nicht bequem ins Jenseits. Aber es verweigert sich einer Vorstellung, in der Gott am Ende nur die menschliche Straflogik ins Unendliche verlängert.
Vielleicht, sagt sie, gebe es nach dem Tod einen Moment der Erkenntnis: einen Moment, in dem Menschen sehen, welches Leid sie verursacht haben. Aber am Ende steht für sie nicht ein himmlischer Strafvollzug, sondern das Aufgehobensein in Gott.
„Manchmal steht mir der Karfreitag näher …“
Bürger spricht nicht so, als sei ihr Glaube ein Dauerzustand innerer Stabilität. Es gebe Momente, in denen sie näher am Karfreitag sei als an Ostern. Momente von Trauer, Verlust und Schwere.
Das ist stark, weil es etwas zeigt, was Mona Bürger auch in ihren Instagram-Posts immer wieder zum Thema macht: Verzweiflung, Angst, Melancholie.
Wie geht man damit um? Wie geht eine Frau damit um, deren Beruf und Berufung darin besteht, Menschen zu trösten? Das sind Fragen, die nicht einfach zu beantworten sind. Vielleicht geht es um das Aussprechen, das Teilen, um Empathie und das Aushalten von Zweifel.
Für eine Pastorin ist das keine Nebensache. Wer mit Menschen über Tod, Verlust, Angst oder Schuld spricht, braucht keine Phrasen, sondern echtes Mitempfinden, das auch die emotionalen Zustände kennt und durchlebt.
Was ich hier spüre und was sich als roter Faden durch das Gespräch zieht, ist ein tiefes Vertrauen in etwas Stärkeres, das vielleicht nicht immer offensichtlich, aber trotzdem vorhanden ist.
Ostern bleibt für sie zentral. Aber Karfreitag wird nicht übersprungen. Hoffnung ist ein Ort, zu dem man zurückkehren kann, auch wenn man ihn gerade nicht spürt.
Gemeinde als Raum für Fragen
Besonders wichtig ist Bürger die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Es passt gut, dass draußen gerade Eltern ihre Kinder zum Kinderchor bringen, während wir über Glauben, Sprache und Kirche sprechen.
Nach ihrer Ordination im Oktober 2023 hat sich ihr eigenes Profil in der Gemeinde nach und nach geschärft. Vieles musste sie erst kennenlernen. Wo passe ich hinein? Was ist mein Auftrag? Was kann ich gut? Was muss ich nicht allein tragen?
Überraschend wichtig wurde ihr die Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden. Das begann allerdings nicht ohne Hürden: Eine von ihr organisierte Freizeit hatte erst einen Fehlstart und wurde dann, nachdem sie sich von der Situation und der anarchischen Kreativität ihrer Konfirmandinnen und Konfirmanden treiben ließ, eine ganz wunderbare Erfahrung. Dabei geht es ihr nicht nur darum, Vaterunser und Glaubensbekenntnis abzufragen. Natürlich gehören Traditionen dazu. Aber Kirche soll für Jugendliche mehr sein als ein religiöser Pflichtkurs.
Sie möchte einen Raum schaffen, in dem junge Menschen Fragen stellen dürfen. Auch Zweifel. Auch unbequeme Fragen. Sie sollen Grenzen erkennen lernen, eigene und fremde. Sie sollen erleben, dass Kirche ein Ort sein kann, an dem man sein darf, ohne sofort bewertet zu werden. Manchmal heißt das auch: reden, abhängen, vielleicht Mario Kart spielen. Es gibt schlechtere Einstiege in die theologische Anthropologie.
Sprache verändert Räume
Dass Mona Bürger auf Sprache achtet, ist kein Zufall. In ihren Predigten, auf Instagram, in Gesprächen und Gottesdiensten denkt sie darüber nach, wie Worte wirken. Sie schreibt viel: Predigten, Gedanken, Texte. Sprache ist für sie nicht Dekoration, sondern ein Werkzeug der Klärung.
Das gilt auch für geschlechtersensible oder inklusive Sprache. Bürger erlebt ihre Gemeinde in Emden als offen. Sie sagt, sie habe Glück. Selten werde sie angegangen, wenn sie Gott weiblich anspricht oder andere Begriffe verwendet. Aber sie weiß von Kolleginnen, die dafür deutlich schärfer kritisiert werden.
Auch sie kennt irritierende Bemerkungen. Über Frauen im Pfarramt, über Auftreten, Haare, Repräsentation. Nicht immer offen feindselig, oft eher beiläufig. Aber gerade das Beiläufige zeigt, wie tief manche Muster sitzen. Man kann sehr höflich an überholten Vorstellungen festhalten und damit sein Gegenüber reduzieren und herabsetzen.
Bürger reagiert darauf nicht mit Abwehrreflexen. Rückfragen findet sie legitim. Sie weiß, dass Begriffe, die ihr selbstverständlich geworden sind, für andere irritierend sein können. Aber sie möchte diese Irritation nicht vermeiden, um den Preis der Sprachlosigkeit. Glaube braucht Worte. Und manchmal braucht er neue Worte.
Die Meise am Fenster
Während wir sprechen, kommt die Meise wieder ans Fenster. Sie landet am durchsichtigen Vogelhäuschen, pickt, schaut, fliegt weg, kommt zurück. Es ist ein kleines Nebengeschehen, aber es passt zu diesem Gespräch. Zu den Themen, zum Nachdenken, zur Vorläufigkeit.
Auch die Tiere, mit denen Bürger ursprünglich als Heilpädagogin arbeiten wollte, sind nicht aus ihrer Geschichte verschwunden. Sie tauchen heute anders auf. Etwa bei einem Gottesdienst mit Tieren unter freiem Himmel. Menschen können ihre Tiere mitbringen. Es gibt praktische Regeln: nicht laut klatschen, nicht ständig aufstehen, Rücksicht nehmen. Im vergangenen Jahr war sogar eine Rettungshundestaffel dabei. Auch sie selbst hat einen Hund adoptiert: Aus dem Tierschutz.
Brennen, ohne zu verbrennen
Am Ende führt das Gespräch zurück zu den Warnungen ihrer Eltern. Der Beruf als Pastorin ist erfüllend, aber er kann auch überfordern. Wer diesen Beruf ergreift, brennt oft für etwas: für Menschen, für den Glauben, für Gemeinde, für Hoffnung. Aber wer brennt, kann auch verbrennen.
Bürger spricht offen darüber, dass sie eigene Grenzen lernen musste und dies auch weiterhin beachten muss. Dass sie nicht alles selbst machen kann. Dass Delegieren nicht immer leichtfällt, gerade wenn man Verantwortung ernst nimmt und anderen nicht zu viel zumuten möchte. Aber eine Gemeinde ist kein Ein-Personen-Betrieb. Und eine Pastorin ist kein liturgisches Schweizer Taschenmesser, auch wenn sie strukturell oft noch so behandelt wird.
Die Herausforderung liegt also nicht nur in individueller Selbstorganisation. Sie liegt auch in kirchlichen Strukturen selbst: weniger Mitglieder, weniger Ressourcen, hohe Erwartungen an die Handelnden vor Ort.
Und doch bleibt bei Mona Bürger kein resignierter Eindruck. Eher einer von wacher Nüchternheit. Sie sieht die Probleme. Sie kennt die Belastungen. Aber sie hält an etwas fest: an Offenheit, an Sprache, an Fragen, an Jugendlichen, an einer Kirche, die Menschen nicht klein macht, sondern ihnen Raum gibt.
Als ich später wieder mein Fahrrad aufschließe, ist der Kinderchor vermutlich noch irgendwo im Gebäude zu hören oder schon vorbei; solche Nachmittage lösen sich ja meist unspektakulär auf. Geblieben ist bei mir allerdings ein starker Eindruck davon, wie sehr Kirche, Glaube und Theologie Menschen brauchen, die sie — wie Mona Bürger — übersetzen, diskutieren und fassbar machen.

