Nachdenken über Geschlechtergerechtigkeit


Kurzprotokoll

Vortrag: Nachdenken über Geschlechtergerechtigkeit heute
Referentin: Prof. Dr. Ines Pohlkamp
Ort: VHS Emden / Hochschule Emden-Leer
Datum: 11. März 2026

Ausgangspunkt

Der Vortrag behandelt Geschlechtergerechtigkeit als gesellschaftliches Grundrecht im Spannungsfeld von Akzeptanz, erreichten Fortschritten und fortbestehenden Angriffen. Im Mittelpunkt stehen geschlechterpolitische Diskurse, antifeministische Anfeindungen, Fragen geschlechtersensibler sozialer Arbeit und mögliche Handlungsperspektiven.

Zentrale Themen

Geschlechtergerechtigkeit wird mit mehreren Ebenen verknüpft: gesetzliche Gleichstellung, Sichtbarkeit und Repräsentation, Akzeptanz in der Bevölkerung, Bildung und Aufklärung sowie der Ausbau queerer Angebote in der sozialen Arbeit. Ein weiterer Themenblock betrifft Debatten um geschlechtergerechte Sprache.

Außerdem wird die Istanbul-Konvention als wichtiger Rahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt benannt. Hervorgehoben werden Schutz, Prävention, Justiz und politische Gesamtstrategien.

Intersektionale Perspektive

Ein zentrales Argument des Vortrags ist, dass Geschlechterfragen nie isoliert betrachtet werden sollten. Sie überschneiden sich mit weiteren Kategorien wie Sexualität, Behinderung, Alter, Migration, Klasse, Religion und anderen sozialen Lagen. Diese Verschränkungen werden als intersektionale Perspektive dargestellt. Entsprechend werden auch verschiedene Diskriminierungsformen zusammengedacht, darunter Sexismus, Homo- und Queerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, antimuslimischer Rassismus, Klassismus, Ableismus und Ageismus.

Antifeminismus und Ablehnung im Alltag

Der Vortrag unterscheidet zwischen Antifeminismus, Sexismus und Misogynie. Antifeminismus erscheint dabei als ideologische Ablehnung feministischer Errungenschaften und Gleichstellungsansprüche. Im Alltag zeigt sich diese Ablehnung in unterschiedlichen Formen: Ignoranz, Lächerlichmachen, Ressourcenknappheit, Spaltung von Frauengruppen, Schuldzuweisungen, Infragestellen von Informationen, parlamentarische Angriffe, Social-Media-Kampagnen bis hin zu Gewaltandrohungen.

Handlungsperspektiven im Umgang mit Antifeminismus

Als praktische Reaktionen werden mehrere Schritte genannt: vorbereitet sein, antifeministische Muster erkennen, Vorfälle benennen und dokumentieren, Betroffene schützen, Unterstützung suchen und die jeweiligen Vorgänge analysieren. Der Zugang ist also nicht bloß moralisch, sondern auch strategisch gedacht.

Persönliche Handlungsperspektiven

Auf individueller Ebene werden genannt:

  • Gegenrede, Zuhören und Debattieren
  • sachliche Argumentation
  • Grenzen setzen
  • sich auf Mikroebene einbringen
  • Selbstfürsorge

Das ist bemerkenswert nüchtern: Nicht Heldentum, sondern belastbare Praxis.

Handlungsperspektiven im gesellschaftlichen Diskurs

Auf breiterer Ebene nennt der Vortrag:

  • zivilgesellschaftliches Engagement
  • Forschung, Aufklärung, Bildung und Lehre
  • Gleichstellungsmaßnahmen
  • Stärkung von Gewaltschutzeinrichtungen
  • Kooperation und Ausbau bestehender Maßnahmen

Thematische Perspektiven für die Weiterarbeit

Als weitere Arbeitsfelder werden angesprochen:

  • Macht und Geschlecht
  • globale Feminismen
  • Gleichstellungsmaßnahmen
  • Netzwerken
  • inhaltliche Weiterentwicklungen
  • geschlechterpolitische Einmischung trotz Ausdifferenzierungen

Damit wird angedeutet, dass die Debatte nicht abgeschlossen ist, sondern eher sich weiter ausdifferenziert, was einerseits Verständnis vertieft und gleichzeitig konfliktreicher wird.

Debatten in der Sozialen Arbeit

Ein eigener Schwerpunkt liegt auf Auseinandersetzungen innerhalb geschlechtersensibler Sozialer Arbeit und Pädagogik, besonders in feministischen Projekten und in der Arbeit mit Mädchen/MINTA+, Frauen/FLINTA+. Genannt werden dabei mehrere Spannungen:

  • Beim Zukunftstag werde teils argumentiert, Jungen seien benachteiligt, deshalb müsse alles für alle geöffnet werden.
  • In feministischen Projekten, Archiven und Mädchenzentren stellt sich die Frage nach Nachwuchs und Verantwortungsübernahme.
  • Die Zielgruppen sozialer Arbeit haben sich verändert; Lebenslagen und Lebenswelten der Adressat*innen werden komplexer wahrgenommen beziehungsweise sind komplexer geworden.

Fazit

Der Vortrag zeichnet Geschlechtergerechtigkeit als umkämpftes Feld. Fortschritte sind sichtbar, zugleich bleiben Gegenbewegungen stark und oft gut organisiert. Die Antwort darauf soll nicht nur in Haltung bestehen, sondern in Analyse, Schutz, Bildung, Vernetzung und praktischer Einmischung. Oder etwas prosaischer: Rechte können erkämpft werden, aber sie erledigen ihre Verteidigung leider nicht von selbst.