Wasserstoff wird fast reflexhaft mit der Energiewende verknüpft. Das ist allerdings erklärungsbedürftig.
1. Warum taucht der Begriff Wasserstoff in der Energiewende ständig auf?
Wind- und Solarstrom schwanken. Es gibt Tage mit Überschuss und Tage mit Flaute. Strom lässt sich nur begrenzt direkt speichern.
Wasserstoff ist hier ein möglicher Puffer: Überschüssiger Strom wird genutzt, um Wasser per Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten. Der Wasserstoff kann gespeichert, transportiert und später genutzt werden.
Er ist damit kein Ersatz für Strom, sondern eine Art Langzeitspeicher und Industriebaustein.
2. Wofür braucht man ihn konkret?
Heute vor allem:
- Chemieindustrie (z. B. Düngemittel)
- Raffinerien
- Teilweise Metallverarbeitung
In der Energiewende zusätzlich:
- Stahlproduktion ohne Kohle
- Schwerlastverkehr, Schifffahrt
- Energiespeicherung für längere Zeiträume
Weniger sinnvoll ist er dort, wo man direkt Strom nutzen kann (z. B. Haushaltsheizungen oder Pkw).
3. Wie bekommt man ihn?
Drei Grundwege:
- Aus Erdgas (heute Standard, aber mit CO₂-Emissionen)
- Aus Kohle (klimapolitisch problematisch)
- Aus Wasser durch Elektrolyse
Nur letzteres ist wirklich nachhaltig, also „grün“ – vorausgesetzt, der Strom stammt aus erneuerbaren Quellen.
Die Technik ist nicht neu. Elektrolyse gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Neu ist der Versuch, sie industriell im großen Maßstab mit Wind- und Solarstrom zu koppeln.
4. Warum gilt die Küste als prädestiniert?
Norddeutschland – auch Ostfriesland – hat viel Windenergie, insbesondere Offshore.
Hier entstehen regelmäßig Stromüberschüsse, weil:
- viel Windstrom produziert wird,
- aber Industriezentren oft weiter südlich liegen,
- und Netze begrenzt sind.
Die Idee: Statt Strom teuer zu transportieren oder abzuregeln ( und den Strom somit zu verschenken), produziert man vor Ort Wasserstoff.
Hafenstandorte sind zusätzlich interessant, weil:
- Import und Export möglich sind,
- bestehende Energieinfrastruktur vorhanden ist,
- Industrieflächen verfügbar sind.
Projekte wie der H2Coastlink ( eine Gasleitung für Wasserstoff von Emden nach Leer) sollen solche Küstenregionen mit Industriezentren verbinden.
5. Wie aufwendig ist das?
Erheblich.
Man braucht:
- Große Elektrolyseure
- Sehr viel erneuerbaren Strom
- Wasseraufbereitung
- Speicheranlagen
- Pipelines oder Verladeinfrastruktur
- Abnehmer mit kontinuierlichem Bedarf
Zudem gehen entlang der Kette Energieanteile verloren. Die Effizienz ist deutlich geringer als bei direkter Stromnutzung.
6. Ist das Verfahren ausgereift?
Technisch: ja.
Systemisch: noch im Aufbau.
Elektrolyseure funktionieren zuverlässig. Was noch nicht flächendeckend existiert, ist:
- eine durchgängige Infrastruktur,
- ein stabiler Markt mit kalkulierbaren Preisen,
- ausreichend günstiger grüner Strom.
Das Risiko liegt weniger in der Technologie als in der ökonomischen Skalierung.
7. Welche Unternehmen können das?
International und national sind u. a. aktiv ( nicht vollständig):
- Siemens Energy (Elektrolysetechnik)
- Thyssenkrupp Nucera (Großelektrolyseure)
- ITM Power
- Nel ASA
- Linde plc
Hinzu kommen Energieversorger und Netzbetreiber, die Infrastrukturprojekte entwickeln.
Vorläufiges Zwischenfazit für die Region
Die Küste ist technisch sinnvoll: viel Wind, Hafen, Fläche.
Ob daraus eine wirtschaftliche Zukunft wird, hängt weniger an der Physik als an:
- Strompreisen
- Förderpolitik
- Industrieansiedlung
- globaler Nachfrage
Die entscheidende Frage für Ostfriesland lautet daher nicht:
„Ist Wasserstoff möglich?“
Sondern:
Entsteht hier eigenständige Wertschöpfung – oder nur Durchleitung?
Im nächsten Schritt werden wir konkret auf Emden schauen: Welche Projekte sind real geplant, welche Firmen sind beteiligt – und wo liegen die Risiken?
