Wem gehört die Stadt, wenn Kinder stören?
Am Küchentisch, bei Tee und Zeitung: Erst der Blick aufs Wochenende in Emden, dann die Kolumne von Burkhard Ewert in der OZ vom 11. Juni 2026 über Kinder, Eltern und kinderfreie Orte. Sie trifft etwas und rutscht doch in eine alte Erzählung. Eine kleine Reflexion über Rücksicht, Ruhe und die Frage, wem Stadt eigentlich Platz geben muss.
Ich mache mir Tee, setze mich an den Küchentisch und beginne die Zeitung zu lesen. Was ist wohl los an diesem Wochenende in der Stadt? Aha, CSD. Menschen werden durch Emden ziehen, sichtbar werden, feiern, streiten, Zeichen setzen. Eine Stadt bietet Raum.
Dann blättere ich um. Und lese die Kolumne von Burkhard Ewert über Kinder, Eltern und kinderfreie Orte. Erst nicke ich noch. Ja, natürlich: Nicht jeder Ort muss für Kinder gemacht sein. Nicht jeder Erwachsene muss jedes Schreien, Rennen und Stühlerücken als Ausdruck praller Lebensfreude feiern. Ein Erwachsenenhotel ist kein Angriff auf Familien. Ein ruhiges Restaurant auch nicht.
Und trotzdem merke ich beim Lesen, wie sich etwas sträubt.
Nicht, weil die Kolumne völlig falsch wäre. Das wäre zu einfach. Sie ärgert mich eher, weil sie an einem wichtigen Punkt ansetzt und dann doch in eine alte Erzählung rutscht: Früher waren Kinder besser erzogen, heute bestimmen sie alles, und die Eltern erwarten von der Welt Applaus für jede Zumutung.
Ganz so einfach ist es nicht.
Ja, es gibt Eltern, die ihre Kinder zum Mittelpunkt jedes Raumes machen. Wer schon einmal in einem Restaurant saß, während nebenan der halbe Tisch zur mobilen Krabbelgruppe umgebaut wurde, kennt diesen Moment: Man lächelt höflich, während man eigentlich davonrennen möchte.
Aber Kinder sind Kinder. Sie sind laut, ungeduldig, neugierig, manchmal anstrengend. Das waren sie immer. Früher waren sie nicht rücksichtsvoller. Sie wurden nur häufiger zum Schweigen gebracht. Das ist ein Unterschied.
Der eigentliche Konflikt liegt nicht bei den Kindern. Er liegt bei einer Gesellschaft, die das Teilen gemeinsamer Räume verlernt hat. Viele Erwachsene sind selbst nicht leiser, höflicher oder aufmerksamer. Sie telefonieren laut im Zug, blockieren Eingänge, beschallen ganze Plätze mit ihren Geräten und nennen das dann Freiheit. Seltsam nur, dass bei Kindern sofort von Erziehung gesprochen wird, bei Erwachsenen aber gern von Individualität.
Kinderfreie Angebote können legitim sein. Wer Ruhe sucht, muss nicht pädagogisch dauerbegeistert sein. Aber eine kinderfreundliche Gesellschaft darf Familien nicht nur dort dulden, wo bunte Stühle, Malzeug und Pommes bereitstehen. Und eine ruhebedürftige Gesellschaft sollte Kinder nicht zur Betriebsstörung des öffentlichen Lebens erklären.
Gerade eine Stadt wie Emden lebt davon, dass unterschiedliche Menschen sich dieselben Räume teilen: Familien, ältere Menschen, Jugendliche, Alleinlebende, Tourist:innen, Berufstätige, Erschöpfte, Neugierige. Der Stadtgarten, die Hafenkante, der Bahnhof, Cafés, Busse, Wartezimmer – überall treffen Bedürfnisse aufeinander. Manchmal reiben sie sich. Das ist nicht Verfall der Sitten. Das ist Stadt.
Vielleicht brauchen wir weniger Empörung darüber, wer gerade stört. Und mehr Nachdenken darüber, wie Räume gestaltet sein müssen, damit nicht immer dieselben Gruppen gegeneinander ausgespielt werden: Familien gegen Kinderlose, Ruhebedürftige gegen Lebendige, Alte gegen Junge.
Rücksicht heißt: Eltern nehmen ihre Umgebung ernst. Aber auch: Erwachsene erinnern sich daran, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind. Und dass Ruhe nicht dadurch entsteht, dass man alles Lebendige aus dem Raum sortiert.
Vielleicht brauchen wir wieder etwas mehr Erziehung. Allerdings nicht nur bei den Kindern.
