Zwischen Zahl und Wirklichkeit

Ein Auftakt zur Kriminalitätsstatistik 2025 in Emden

Einmal im Jahr erscheinen sie, die Polizeistatistiken. Dann werden Zahlen gemeldet, Kurven gezeigt, Aufklärungsquoten genannt und Begriffe verwendet, die nach Amtsflur klingen: Häufigkeitszahl, Rohheitsdelikte, Hellfeld, Tatverdächtige. Einerseits sehr trocken, aber auch auch leicht instrumentalisierbar.

Denn die Polizeiliche Kriminalstatistik, kurz PKS, ist wichtig. Aber sie ist nicht die Wirklichkeit selbst. Sondern eine ganz bestimmte eng begrenzter Blickwinkel auf diese.

In den kommenden Beiträgen wird StadtWalk die Kriminalstatistik 2025 für Emden, Leer und Ostfriesland genauer ansehen. Dabei geht weder darum Angst zu machen, noch um Weichzeichnung. Die Zahlen zeigen Entwicklungen, die man ernst nehmen sollte: Körperverletzungen, Raubtaten, Messerangriffe, Fahrraddiebstähle, häusliche Gewalt, Betrug an älteren Menschen, auffällige Entwicklungen bei Kindern und Jugendlichen.

Bevor man darüber spricht, muss man allerdings klären, was diese Begriffe bedeuten.

Was ist die Polizeiliche Kriminalstatistik?

Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst Straftaten, die der Polizei bekannt geworden sind. Das kann durch eine Anzeige geschehen, durch eigene Feststellungen der Polizei oder durch Ermittlungen.

Wichtig ist: Die PKS ist keine Gerichtsstatistik. Wenn jemand dort als tatverdächtig auftaucht, ist diese Person nicht automatisch juristisch schuldig gesprochen. Die Statistik zeigt lediglich den polizeilichen Bearbeitungsstand.

Das klingt nach Pfennigfuchserei, ist aber zentral. Sonst wird aus einem Verdacht in der öffentlichen Wahrnehmung sehr schnell ein Urteil. Und die öffentliche Wahrnehmung ist selten ein Ort vorsichtiger Differenzierung.

Hellfeld und Dunkelfeld

Ein Schlüsselbegriff ist das sogenannte Hellfeld. Damit ist alles gemeint, was der Polizei bekannt wird und statistisch erfasst werden kann. Das Hellfeld ist also der sichtbare Teil der Kriminalität.

Daneben gibt es das Dunkelfeld. Das sind Straftaten, die nicht angezeigt, nicht erkannt oder nicht ermittelt werden. Gerade bei häuslicher Gewalt, Sexualdelikten, digitaler Gewalt oder Betrug kann dieses Dunkelfeld sehr groß sein.

Das bedeutet: Wenn die Zahl steigt, kann das heißen, dass tatsächlich mehr passiert. Es kann aber auch heißen, dass mehr angezeigt wird. Wenn die Zahl sinkt, kann das heißen, dass weniger passiert. Es kann aber auch heißen, dass weniger entdeckt oder angezeigt wird.

Was bedeutet Aufklärungsquote?

Die Aufklärungsquote gibt an, bei welchem Anteil der registrierten Fälle mindestens eine tatverdächtige Person ermittelt wurde.

Das klingt zunächst nach einer Erfolgszahl. Und natürlich sagt sie etwas über Polizeiarbeit. Aber auch hier gilt: Eine aufgeklärte Tat ist nicht automatisch eine verurteilte Tat. Die Polizei hat einen Verdacht ermittelt. Was daraus juristisch wird, entscheiden Staatsanwaltschaft und Gericht.

Außerdem sind manche Delikte leichter aufzuklären als andere. Bei häuslicher Gewalt kennen sich Täter und Opfer oft. Bei Fahrraddiebstählen ist das anders. Wer sein Fahrrad am Bahnhof abstellt und es dann gestohlen wird, wird es wahrscheinlich nicht wieder bekommen. Ergo: Die Aufklärungsquoten sind dort meist niedrig.

Was ist die Häufigkeitszahl?

Die Häufigkeitszahl beschreibt, wie viele registrierte Straftaten auf 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner kommen. Sie soll Gebiete vergleichbarer machen.

Aber auch diese Zahl muss mit Vorsicht betrachtet werden. Eine Stadt wie Emden hat andere Bedingungen als eine ländliche Gemeinde. Es gibt Bahnhof, Hafen, Innenstadt, Schulen, Einkauf, Veranstaltungen, Pendlerinnen und Pendler, Besucherinnen und Besucher. Viele Menschen halten sich in der Stadt auf, ohne dort zu wohnen. Die Häufigkeitszahl setzt die in der Stadt begangenden Straftaten aber in Beziehung zur Wohnbevölkerung.

Eine höhere Häufigkeitszahl als im ländlichen Raum heißt daher nicht automatisch: Diese Stadt ist gefährlich. Es heißt einfach: Hier gibt es mehr zentrale Funktionen, mehr Bewegung, mehr Gelegenheiten, mehr Reibung.

Was sind Rohheitsdelikte?

Der Begriff klingt, als sei er aus einem Aktenschrank gefallen: Rohheitsdelikte. Gemeint sind Straftaten, bei denen Gewalt, Drohung oder Einschüchterung eine Rolle spielen. Dazu gehören unter anderem Körperverletzung, Raub, Bedrohung oder Nötigung.

Für das Sicherheitsgefühl sind diese Delikte besonders wichtig. Eine Körperverletzung am Bahnhof, ein Raub in der Innenstadt oder eine Bedrohung auf offener Straße sind etwas anderes als ein Betrug, der erst später auf dem Konto zutage tritt.

Das heißt nicht, dass Eigentums- oder Betrugsdelikte harmlos wären. Aber Rohheitsdelikte berühren unmittelbarer die Frage: Fühle ich mich sicher, wenn ich mich durch meine Stadt bewege?

Was ist ein Messerangriff?

Auch der Begriff Messerangriff muss genau betrachtet werden. In der Statistik wird ein Messerangriff erfasst, wenn ein Messer gegen eine Person eingesetzt oder dessen Einsatz unmittelbar angedroht wird. Sobald es also gezückt wird, ist es ein Messerangriff, so könnte man etwas flapsig sagen.

Das kann unterschiedliche Situationen umfassen: eine Bedrohung, eine Körperverletzung, einen Raub oder sehr schwere Straftaten. Deshalb ist die Zahl ernst zu nehmen, aber sie darf nicht automatisch mit dem schlimmsten denkbaren Fall, einem Niederstechen, gleichgesetzt werden.

Gerade Messerangriffe sind politisch aufgeladen. Umso wichtiger ist eine nüchterne Sprache. Nicht beschwichtigen. Nicht aufputschen. Einfach genau bleiben.

Warum diese Serie?

Für Emden zeigt die Kriminalstatistik 2025 ein komplexes Bild. Die Gesamtzahl der registrierten Straftaten ist gesunken. Gleichzeitig gibt es Deliktfelder, die auffällig bleiben oder steigen. Dazu gehören unter anderem Körperverletzungen, Raubtaten, Messerangriffe, Fahrraddiebstähle, Sachbeschädigungen und bedenkliche Entwicklungen bei tatverdächtigen Kindern und Jugendlichen.

Eine Stadt ist nicht einfach sicher oder unsicher. Sie besteht aus sehr vielen unterschiedlichen Orten, Zeiten, Wegen, Wohnungen, Schulhöfen, Bahnhöfen, Hinterhöfen, Chatgruppen, Fahrradständern und Familienküchen. Manche Gewalt ist sichtbar. Andere nicht. Manche Delikte sind offensichtlich. Andere verschwinden hinter Wohnungstüren oder in der vermeintlichen Anonymität des Internets.

Diese Serie will deshalb fragen: Was zeigen die Zahlen? Wo müssen wir genauer hinsehen? Wo helfen Vergleiche? Wo führen sie in die Irre? Und was heißt Sicherheit eigentlich in einer Stadt wie Emden?

Nicht jeder Anstieg ist ein Alarm. Nicht jeder Rückgang ist Entwarnung.

Aber jede gute Stadtöffentlichkeit beginnt damit, dass man genau hinsieht, versteht und dann darüber redet. Und im besten Fall, Möglichkeiten findet, das Leben in der Stadt als Bürger:in innerhalb der eigenen Möglichkeiten selber ein wenig sicherer zu machen.