CSD am 13.06.26 in Emden
Mit Regenbogenflaggen, Bass, Wolken, Sonne und vielen Menschen am Rand
Ich radele über den Wall. Das Wetter ist durchwachsen: gerade hat es noch kräftig geregnet hat und man weiß nicht, ob es gleich wieder anfängt. Aber ich bin optimistisch. Zwischen den Bäumen fallen ein paar Sonnenstrahlen durch das dichte Laubdach und malen helle, bunte Muster auf die Wallanlagen am Wasser. Ich denke: Könnte passen.
Da fährt eine ältere Dame an mir vorbei. Auf ihrem Gepäckträger ist ein Regenschirm festgezurrt. Kein grauer oder kein schwarzer, sondern ein Regenbogenschirm. Wir haben offenbar dasselbe Ziel.
Schon vom Wall her hört man das Wummern der Bässe. Noch einmal um den eingerüsteten Wasserturm herum, dann öffnet sich der Blick auf den Bahnhofsvorplatz. Und es wird sehr bunt.
Über Emden steht ein Himmel aus Blau und dicken weißen Wolken. Darunter: ein Platz voller Menschen, Regenbogenflaggen, Kostüme, Schminke, Glitzer, Transparente. Auch der Bahnhof selbst ist geschmückt: Zwei Regenbogenfahnen hängen dort, sichtbar, selbstverständlich.
Ein großer Bus trägt auf dem Zielanzeiger den Satz: „Wi sün ümmer dar“. Ein Satz, der an diesem Tag Teil einer ostfriesischen Verfassung ist. Wir sind immer da. Nicht als Ausnahme. Nicht als geduldeter Farbtupfer. Sondern als Teil dieser Stadt.
Auf dem Parkplatz steht ein Lkw mit Musikanlage. Darauf tanzen Menschen, fröhlich, laut, bunt. Immer mehr Teilnehmer:innen strömen zusammen. Viele junge Menschen sind da, Jugendliche, junge Erwachsene, aber auch Familien, ältere Menschen, die Omas gegen Rechts. Eine sehr diverse Gemeinschaft. Ein paar Polizist:innen gehen in Richtung Bahnhof. Die Stimmung ist gelöst.
Dann setzt sich der Zug in Bewegung.
Vorne der Lkw mit der Musik, hinten der Weser-Ems-Bus, dazwischen viele Menschen. Es geht Richtung Kino und dann über die Abdenastraße in Richtung Apollo. Etwas merkwürdig ist, dass nur die Fahrbahn Richtung Innenstadt gesperrt ist, während stadtauswärts weiter Autos fahren dürfen. Das wirkt wie ein Verkehrs-Kompromiss aus der Abteilung „Wir wollen ja, aber bitte nicht zu sehr“. Zumal die Neutorstraße weiter unten ohnehin gesperrt werden muss. Viele Autos können die andere Seite nicht nutzen. Man hätte der Sache ruhig etwas mehr Platz geben können.
Aber die Stadt sind die Menschen, und diese antworten auf ihre Weise.
Am Straßenrand stehen sie, winken, zücken Handys, machen Fotos und Videos. Viele lächeln. Einige bewegen sich im Rhythmus der Musik mit, andere schwenken bunte Bänder. Es ist diese Mischung aus Fest, Demonstration und öffentlichem Auftreten, die so besonders ist.
Am Apollo-Kino geht es weiter in die Straße Zwischen beiden Bleichen. Hier wird der Zug breiter, sichtbarer. Die Straße gibt Raum, und plötzlich sieht man, wie viele Menschen tatsächlich unterwegs sind. Von vorne bis hinten ist die Straße gefüllt. Vorne wummert der Laster, hinten schiebt der Bus nach, dazwischen ein langer, bunter Zug.
Auch aus der Altenwohnanlage Haus Simeon winken Menschen heraus. Das ist einer dieser kleinen Momente, die mehr sagen als Sonntagsreden. Fenster öffnen sich. Menschen schauen heraus. Manche winken. Für einen Augenblick wird die Stadt zur Tribüne.
Dann geht es rechts über die Brücke auf die Nordertorstraße, Richtung Neue Kirche, durch Groß-Faldern. Hier wird es enger. Die Häuserwände kommen näher, fast so, als wollten sie selbst teilnehmen. Aus Fenstern wird geschaut, gefilmt, gewunken. Pool-Position, gewissermaßen.
Weiter führt die Route Richtung Klein-Faldern, über Brückstraße und Friedrich-Ebert-Straße. Hier zeigt sich ein herausgeputztes Emden: klein, beschaulich, mit einem Hauch Altstadtcharme. Einer Altstadt, die Emden wegen der massiven Zerstörung im Zweiten Weltkrieg eigentlich nicht mehr wirklich hat. Aber hier, in diesen Straßen, in diesen Blickachsen, auf diesen Brücken, blitzt sie manchmal doch noch auf.
Auch hier stehen Menschen am Rand. Angestellte eines Hotels filmen den Zug und und sind in ihrer Schicht Teil dieser Freude an einer bunten Stadt. Die Sonne legt auch einen Zahn zu und schiebt Wolken beiseite, die sich nicht ganz vertreiben lassen: aber das ist eben Ostfriesland, Küstennähe. Da stören die paar Tropfen nicht, die ab und an herunterfallen. Wir haben Glück.
Immer wieder taucht ein besonders auffälliger bunter Vogel in der Menge auf. Er trägt ein Schild mit der Aufschrift: „Moin Liebe, Tschüss Hass“. Mal verschwindet er zwischen den Menschen, dann steht er wieder am Rand, dann taucht er weiter vorne auf. Ganz verschwinden kann er ohnehin nicht. Dafür sind seine aufwendig gestalteten Vogelflügel zu groß, zu schön und vermutlich auch zu sperrig.
Andere tragen Fahnen und politische Botschaften. Eine SPD-Fahne ist zu sehen, auch die Fahne der Linken. Die CDU dagegen begegnet eher indirekt: An der Martin-Faber-Straße kommen wir an ihrer kleinen Geschäftsstelle vorbei. Hinter der Scheibe schaut eine Dame hinaus. Gardinenluschern? Man weiß es nicht. Vielleicht nur Neugier. Vielleicht auch der Versuch, herauszufinden, ob Regenbogenfarben durch Glas weniger gefährlich wirken. Bunte CDU-Fahnen jedenfalls sind an diesem Tag nicht zu sehen. Anweisung von oben? Man weiß es nicht.
Weiter geht es an kleinen Geschäften vorbei, über den Ratsdelft und direkt auf die Große Straße. Eigentlich Fußgängerzone. Diesmal aber befahren mit schwerem Gerät und gefüllt mit sehr vielen Menschen. Ein ungewohntes Bild: Der CSD zieht mitten durch die Innenstadt. Nicht irgendwo am Rand. Nicht gequetscht in einer Nische. Sondern genau dort, wo Stadt ist und immer wieder neu entsteht. Dort, wo Stadt lebendig und nicht eintönig ist.
Am Burggraben geht es rechts in Richtung Neuer Markt. Dort endet die Tour. Der Platz füllt sich vor der Bühne. Menschen bleiben stehen, reden, lachen, holen sich etwas zu trinken, suchen Bekannte, sortieren sich nach dem Marsch neu. Aus Bewegung wird Versammlung. Erwartung und Hoffnung. Eine sehr heterogene Gruppe von Menschen macht sich Mut.
Was bleibt?
Vielleicht zuerst dies: Der CSD in Emden war kein kleines Grüppchen, das man höflich zur Kenntnis nimmt und dann in der Lokalspalte verstaut, was leider die lokalen Medien getan haben. Es waren viele Menschen. Sehr viele. Junge, ältere, Familien, Freundeskreise, politische Gruppen, Neugierige, Unterstützer:innen. Und auch viele am Rand der Strecke, die sichtbar Freude daran hatten, dass dieser Zug durch die Stadt ging.
Und ist der Satz auf dem Bus: Wi sün ümmer dar.
Das ist eine Ansage. Queeres Leben ist nichts Neues. Es ist nicht von irgendwo importiert, nicht aus Talkshows gefallen, nicht plötzlich über Emden hereingebrochen wie ein Regenschauer. Es war und ist immer da. Nicht immer sichtbar. Nicht immer sicher. Nicht immer frei. Aber immer da.
An diesem Samstag war er sichtbar. Laut. Bunt. Und selbstverständlich.
Manchmal reicht schon ein Weg vom Bahnhof bis zum Neuen Markt, um zu zeigen, wie eine Stadt aussehen könnte, wenn sie sich weniger fürchtet vor dem, was sie längst ist.
