14.04.2026 – 19:30
Das Festspielhaus ist gut besucht, mindestens zu drei Vierteln gefüllt, und noch bevor das Stück eigentlich richtig begonnen hat, sind die Erwartungen spürbar. Ein insgesamt eher älteres Publikum erwartet einen Kriminalfall in der gehobenen Gesellschaft auf einer Nilkreuzfahrt. Die Türen werden geschlossen, der Vorhang hebt sich.
Dazu passt das Bühnenbild: schön, klassisch, übersichtlich wird ein Salon auf einem Raddampfer sichtbar. Auch die Kostüme setzen deutlich auf Tradition. Man ist schnell in einer vergangenen Welt, irgendwo zwischen gehobenem Gesellschaftsspiel, Reiseromantik und jener fein austarierten Künstlichkeit, die zu Agatha Christie einfach dazugehört. Gespielt wird sehr traditionell, mit klassischem Gestus und einer Sprache, die den Stoff nicht modernisieren will, sondern ihn bewusst in seiner Zeit belässt.
Die Eingangsszene führt zunächst einige Figuren ein: den salonsozialistischen jungen Mann, die reiche Tante mit ihrer armen Nichte, den ironischen und zugleich lebensklugen Pfarrer. Dann treten die eigentlichen Hauptfiguren auf: das reiche junge Paar in den Flitterwochen. Simon und Kay. Wobei: Eigentlich ist sie die reiche Erbin und er der arme Schlucker, der sich in sie verliebt hat – und sie sich in ihn. So gesteht es Simon dem Pfarrer bei einem Longdrink. Das Ganze hat nur einen Haken: Das Paar wird offensichtlich von der Ex-Verlobten Jacqueline des Mannes verfolgt, die den beiden auf ihrer Hochzeitsreise hinterherreist.
Simon erzählt, er habe im Hotel eine falsche Fährte gelegt, um Jacqueline nach Kairo zu locken, während er mit Kay in Wahrheit die Nilkreuzfahrt antreten wolle. Dieser Plan geht dann, wir ahnen es, nicht auf. Jacqueline taucht auf und genießt das Entsetzen ihrer ehemals besten Freundin und ihres Ex-Verlobten.
Der Pfarrer, Canon Pennefather, ehemaliger Vormund der reichen Kay und offensichtlich ein lebenserfahrener, sehr kluger Mann, spricht mit der jungen Jacqueline, um sie dazu zu bringen, das Schiff zu verlassen. Es folgt ein Hin und Her, wobei deutlich wird, dass Jacqueline nicht nur leidet, sondern auch ein böses Vergnügen am Leiden ihrer ehemaligen Freundin empfindet – und zugleich eine Rechtfertigung in Kays Verhalten sieht, die ihr den Mann „weggenommen“ habe. Kurz zuvor hatte der Pfarrer seinem ehemaligen Mündel genau dieses Bild vorgehalten, mit einem biblischen Gleichnis: von einem König, der lieber das letzte Schaf eines armen Hirten nahm, statt sich aus der Herde eines reichen Mannes zu bedienen.
Der Pfarrer kann Jacqueline jedoch nicht überzeugen. Vielleicht schwankt sie einen Moment. Dann ertönt das Tuten des Schiffes, das Schiff legt ab, und das Schicksal nimmt seinen Lauf.
Natürlich ist diese dramatische Konstellation umgeben von skurrilen Gestalten, die allesamt Teil eines hintergründig inszenierten Dramas werden: Da ist Helen Ffoliot, eine reiche, snobistische Dame mit Ischias, begleitet von ihrer Nichte Christina, die allerdings eher wie ein Dienstmädchen behandelt wird. Da ist William Smith, ein zynischer, sozialistisch angehauchter junger Mann, der alles und jeden kommentiert und sich in Christina verliebt. Da ist Louise, die Zofe des späteren Mordopfers. Da gibt es den deutschen Arzt Dr. Bessner. Und natürlich einen Steward, der von den Upperclass-Reisenden alle naselang per Tischglocke herbeigeschrillt wird, um sie zu versorgen.
Es wird Abend. Kay geht zu Bett und wird von ihrer Zofe Louise begleitet. Auch der Pfarrer und der Arzt gehen schlafen. Simon, Jacqueline, Christina und Smith bleiben in der Lobby zurück. Jacqueline betrinkt sich, biedert sich Christina an, will jemanden zum Reden haben und wird immer lauter. Simon versucht zu beschwichtigen. Es ist klar: Das ist ein Disput zwischen diesen beiden auf offener Bühne, während Christina und Smith die Zuschauenden innerhalb des Stückes sind.
Dann wird es wilder. Jacqueline zieht eine Pistole und schießt auf Simon, der auf ein Sofa fällt und sich ein blutiges Taschentuch gegen das Knie presst. Alle sind entsetzt. Auch Jacqueline lässt die Pistole fallen und ist völlig außer sich. Arzt und Pfarrer stürzen herbei, um sich um den Verletzten zu kümmern, der aber nur Sorge um Jacqueline hat, um die man sich kümmern müsse. Tatsächlich passiert genau das: Alle verschwinden von der Bühne. Nur der verletzte Simon sitzt jammernd auf dem Sofa. Der Vorhang fällt.
Wir dürfen in die Pause gehen und uns fragen: Das ist doch jetzt anders, als wir es kennen. Wo ist denn Hercule Poirot? Der wunderbar schnöselige Belgier, der sich stets dagegen verwahren muss, für einen Franzosen gehalten zu werden.
Vermutlich haben viele die Version mit Peter Ustinov als kauzigem Ermittler mit scharfem Verstand vor Augen, wenn sie an dieses Werk von Agatha Christie denken. Wobei es tatsächlich noch weitere Verfilmungen gibt, die den Roman auf die Leinwand brachten, zuletzt jene, in der Kenneth Branagh Hercule Poirot spielte. Wie dem auch sei: So, wie das Stück sich bislang darstellt, ist es anders. Wann tritt denn nun der belgische Meisterermittler auf?, mochten sich einige fragen. Ich muss gestehen: ich auch. Auch wenn eigentlich schon klar war, dass inzwischen alle handelnden Figuren längst auf der Bühne gewesen sein mussten. Allerdings war der Pfarrer bereits als ein sehr kluger Mann mit scharfem Blick und präziser Beobachtung eingeführt worden, so dass hier vermutlich die Konzeption eine andere war als im Buch oder in den bekannten Filmen.
In der Pause blieb also Zeit, darüber nachzudenken, warum das so anders gestaltet war, vielleicht auch mit erfahrenen Christie-Kennern zu reden, oder Kumpel Chat zu fragen. Auch ein Blick in das Programmheft half weiter: Agatha Christie höchstselbst hatte eine eigene Theaterfassung geschrieben und dafür deutliche Anpassungen vorgenommen. Natürlich musste sie zusammenfassen, kürzen, dramatischer werden. So verschwand Hercule Poirot ganz einfach, und seine Fähigkeiten wurden auf Pfarrer Canon Pennefather übertragen. Das funktionierte bei der Uraufführung von „Murder on the Nile“ am 19. März 1946 im Londoner West End und funktioniert auch an diesem Abend. Der Roman „Tod auf dem Nil“ erschien bereits 1937 als Agatha Christies 22. Kriminalroman.
Der Pfarrer vereint Konzentration, Weisheit, Klugheit, Scharfsinn und auch eine gewisse Menschenliebe auf sich. Gleichzeitig besitzt er durchaus Lebemann-Eigenschaften. Eine leichte Schlitzohrigkeit wird angedeutet, als er versucht, Kay etwas unterschreiben zu lassen, was einem Herzensprojekt von ihm, „Jerusalem in England“, zugutekommen soll. Tatsächlich wird er dadurch später sogar kurz selbst zum Verdächtigen.
Kurz gesagt: Das Theaterstück der Landesbühne Nord folgt der Bühnenfassung, die Agatha Christie selbst geschrieben hat.
Der Gong ertönt, die ersten Zuschauer:innen begeben sich wieder in den Saal. Nach und nach füllt sich die Halle, die Türen werden geschlossen, die Lichter dimmen herunter, der Vorhang hebt sich – und wir sehen wieder den leidenden Simon auf dem Sofa, um den sich nun der Arzt kümmert.
Alle sind noch immer in heller Aufregung. Louise soll nach Kay sehen. Plötzlich ein Schrei. Alle verstummen. Louise kommt blass zurück und stammelt, dass Kay tot sei.
Nun steigt die Spannung. Der Pfarrer ist entsetzt. Die ägyptische Polizei soll gerufen werden. Aber Canon lässt die Sache keine Ruhe. Er beginnt zu ermitteln und betrachtet erst einmal alle Anwesenden als potentielle Täter:innen.
Dann passiert etwas, womit man in diesem Moment nicht rechnet. Plötzlich verdunkelt sich die Bühne, ohne dass ein Vorhang fällt. Smith tritt mit einer Taschenlampe unheimlich beleuchtet nach vorne und spricht, in eben jener eindrücklichen Art, in der er den zynischen Sozialisten spielt, einen ganz anderen Text, als wir ihn alle erwarten. Es geht um die Förderung des Theaters, die vom Land Niedersachsen zunehmend gekürzt wird, um die prekäre Situation, die daraus für Schauspieler:innen entsteht, um die Ausdünnung der Theaterlandschaft – und um die Bitte, Postkarten auszufüllen (#rettedeintheater), die im Foyer bereitliegen und an das niedersächsische Kultusministerium geschickt werden sollen, um es damit zu „fluten“.
Nach einer kurzen Irritation über diese plötzliche Unterbrechung, die natürlich auch eine gewisse Unruhe erzeugt – man will ja eigentlich wissen, wie es weitergeht –, ist der Beifall am Ende dieser Rede groß. Und offenbar auch wirksam, wie sich nach dem Stück im Foyer zeigt, wo sich viele Menschen um die Tische mit den Postkarten drängen.
Das Stück selbst geht danach zügig weiter und hat nun wirklich Fahrt aufgenommen. Ein weiterer Mord geschieht: Louise wird getötet, nachdem sie offensichtlich jemanden erpresst hat. Der Pfarrer zieht schließlich die richtigen Schlüsse und entlarvt Jacqueline und Simon.
Wunderbar ist dann die Schlussszene, in der Jacqueline beinahe noch den Pfarrer erschießt, der doch immer nett zu ihr war, wie sie selbst sagt. Und ihr in diesem Moment klar wird, dass sie gleichzeitig Akteurin und Opfer einer Tragödie ist. Hier wird neben dem eigentlichen Kriminalstück, dessen Auflösung ja inzwischen sehr bekannt ist, noch eine psychologische Komponente eingebracht. Sie zeigt, dass Menschen immer die Möglichkeit haben, zu entscheiden, was sie tun. Aber wenn sie sich einmal für das Böse entscheiden – oder man könnte auch etwas nüchterner sagen: für die Lust am Leiden und Leidenlassen –, dann zieht das fast zwangsläufig weitere Handlungen nach sich, die einen ähnlichen Charakter haben.
Als der Pfarrer der an sich selbst verzweifelten Jacqueline schließlich die geladene Pistole wiedergibt, muss sie ganz alleine entscheiden, was sie nun tut. Ihre Verzweiflung und diese offene Frage hallen noch durch den Raum, während der Vorhang fällt.
Es war eine wunderbar gelungene Aufführung, klassisch ausgestattet, mit entsprechender Kleidung, Gestik und Sprache der 1930er Jahre. Die Figuren waren alle sehr gut getroffen und versetzten einen glaubhaft in diese Zeit zurück. Es war keine Inszenierung, die sich krampfhaft aktualisieren wollte, keine, die mit Originalität um jeden Preis kokettiert. Und das tat dem Stück gut. Es vertraute seinem Stoff, seiner Konstruktion, seinen Figuren – und auch seinem Publikum.
Herausragend war auf jeden Fall der sehr präsente Salonbolschewik William Smith, der seine intelligente Schlagfertigkeit schnell und sehr elegant einsetzte. Auch der Pfarrer glänzte mit psychologischem Einfühlungsvermögen, mit seinem Gespür dafür, dass sich schon zu Beginn der Reise etwas Unheilvolles zusammenbraute. Jacqueline war reich gestaltet, in ihrer Ambivalenz als Täterin und Opfer. Der Doktor wiederum war wunderbar als alternder Gockel, der hinter Christina her war.
Die bekannteste Verfilmung des Stoffes bleibt für viele wohl jene von 1978 mit Peter Ustinov, während andere Zuschauer:innen vielleicht eher die neuere Version mit Kenneth Branagh in der Hauptrolle vor Augen haben dürften. Das Theaterstück der Landesbühne Nord geht jedoch einen anderen Weg – oder vielmehr: den älteren. Es folgt nicht den populären Filmfassungen, sondern der Bühnenbearbeitung, die Agatha Christie selbst vorgenommen hat. Und genau darin liegt ein eigener Reiz. Man bekommt hier nicht einfach den vertrauten Poirot-Abend in anderer Besetzung serviert, sondern eine andere Konstruktion des Stoffes. Eine, die ohne den großen Meisterdetektiv auskommt und stattdessen einen Pfarrer ins Zentrum rückt, der weniger exzentrisch, aber keineswegs weniger scharfsinnig ist.
Das wirkt zunächst ungewohnt. Ist aber sehr stimmig. Eine unterhaltsame und schauspielerisch starke Leistung der Landesbühne Nord.
