Was Copernicus-Daten über Emden und Ostfriesland zeigen — und warum damit die eigentliche Recherche erst beginnt
Dürre klingt in Ostfriesland zunächst sehr fremd. Es klingt vielleicht nach Südeuropa, nach ausgetrockneten Stauseen, Waldbränden und staubigen Feldern. Nicht nach Emden. Nicht nach Marsch, Moor, Gräben, Sielen, Schöpfwerken und Nordsee.
Doch das ist ist trügerisch.
Denn Dürre bedeutet nicht einfach, dass es ein paar Tage nicht regnet. Dürre kann auch heißen: Der Boden verliert Feuchtigkeit. Pflanzen geraten unter Stress und der Grundwasserspiegel fällt.
Eine Auswertung von CORRECTIV.Europe auf Grundlage von Copernicus-Daten zeigt, wo europäische Regionen seit 2012 von Dürrebedingungen betroffen waren. Stadtwalk hat diese Daten in einem ersten Schritt für Emden und Ostfriesland ausgewertet.
Das Ergebnis ist kein Grund für Alarmismus. Aber es ist ein guter Grund, genauer hinzuschauen.
Copernicus macht Dürre sichtbar
Copernicus ist das Erdbeobachtungsprogramm der Europäischen Union. Es sammelt und verarbeitet Daten aus Satelliten, Messnetzen und Modellen. Für die Dürrebeobachtung nutzt die europäische Dürrewarte unter anderem den sogenannten Combined Drought Indicator.
Dieser kombinierte Dürreindikator verbindet drei Signale:
- Es fällt weniger Niederschlag als üblich.
- Die Bodenfeuchte ist reduziert.
- Die Vegetation zeigt Stress.
Damit geht es nicht nur um Regenmengen. Entscheidend ist auch, ob Wasser im Boden fehlt und ob Pflanzen bereits messbar reagieren.
Die CORRECTIV-Auswertung unterscheidet zwei Stufen:
Moderate Dürrebedingungen
Sie liegen vor, wenn Niederschlag und Bodenfeuchte deutlich unter den üblichen Werten liegen.
Akute Dürrebedingungen
Sie liegen vor, wenn zusätzlich auch die Vegetation unter Stress gerät.
Das ist wichtig. Eine moderate Dürrebedingung ist noch kein direkter Schadensnachweis. Sie zeigt aber, dass sich eine Trockenlage aufgebaut hat. Eine akute Dürrebedingung geht weiter: Dann ist die Trockenheit auch bei Pflanzen angekommen.
Warum Emden überhaupt in dieser Auswertung auftaucht
Die Daten liegen auf sogenannter NUTS-3-Ebene vor. Das klingt nach Verwaltungssprache, und das ist es auch. Gemeint sind in Deutschland meist Landkreise und kreisfreie Städte.
Emden ist als kreisfreie Stadt eine eigene NUTS-3-Region. Auch die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund lassen sich auf dieser Ebene betrachten.
Für diese erste Stadtwalk-Auswertung wurden folgende Regionen einbezogen:
- Emden,
- Landkreis Aurich,
- Landkreis Leer,
- Landkreis Wittmund,
- Wilhelmshaven,
- Landkreis Friesland,
- Landkreis Ammerland,
- Landkreis Wesermarsch,
- Landkreis Emsland.
Der engere Fokus liegt auf Emden und Ostfriesland. Die angrenzenden Regionen dienen als Vergleich.
Wichtig ist dabei: Diese Daten sagen etwas über Regionen als Ganzes. Sie sagen noch nichts Genaues über einzelne Stadtteile, Höfe, Gräben, Parks, Moore oder Straßenzüge.
Emden: ein gemischtes Bild
Für Emden zeigen die Copernicus/CORRECTIV-Daten kein einfaches Bild.
Beim Median (stabiler Durchschnittswert) der moderaten Dürrebedingungen liegt Emden mit 40,61 Tagen pro Jahr im betrachteten Vergleichsraum eher im unteren Bereich. Deutlich höhere Werte zeigen etwa Wilhelmshaven, Wesermarsch, Friesland, Aurich und Wittmund.
Anders sieht es bei den akuten Dürrebedingungen aus. Dort liegt Emden mit 6,18 Tagen pro Jahr auffällig höher. Nur der Landkreis Leer weist im betrachteten Vergleichsraum mit 7,06 Tagen einen höheren Medianwert auf.
Das ist der erste interessante Befund.
Emden ist nach diesen Daten bei den moderaten Dürresignalen im Mittelfeld, aber bei den akuten Dürresignalen – wo zusätzlich die Vegetation unter Stress steht – in einer höheren Position.
Das ist zumindest ein Grund weiter nachzuforschen.
Moderate Dürrebedingungen im Vergleich
Beim Median der moderaten Dürretage ergibt sich im betrachteten Vergleichsraum folgende Reihenfolge:
| Region | Median moderate Dürretage pro Jahr |
|---|---|
| Wilhelmshaven | 81,45 |
| Wesermarsch | 76,32 |
| Friesland | 60,64 |
| Aurich | 51,10 |
| Wittmund | 48,10 |
| Ammerland | 47,35 |
| Emsland | 43,67 |
| Emden | 40,61 |
| Leer | 32,78 |
Emden liegt hier nicht an der Spitze, sondern eher unteren Bereich.
Akute Dürrebedingungen im Vergleich
Bei den akuten Dürretagen verändert sich das Bild:
| Region | Median akute Dürretage pro Jahr |
|---|---|
| Leer | 7,06 |
| Emden | 6,18 |
| Emsland | 5,58 |
| Aurich | 5,20 |
| Friesland | 4,69 |
| Wesermarsch | 4,36 |
| Ammerland | 3,96 |
| Wittmund | 3,92 |
| Wilhelmshaven | 1,38 |
Hier liegt Emden im betrachteten Vergleichsraum weit oben.
Das wirft Fragen auf: Wo zeigt sich dieser Vegetationsstress konkret? In der Landwirtschaft? Beim Stadtgrün? In Grünlandbereichen? An Bäumen? In Biotopen? Oder handelt es sich um ein regionales Signal, das innerhalb des Stadtgebiets sehr unterschiedlich verteilt ist?
Die Copernicus-Daten zeigen auf, wo lokal nachgefragt werden muss.
Auffällige Jahre: 2018, 2019 — und 2013
Auch bei den auffälligsten Jahren zeigen die Daten zwei unterschiedliche Muster.
Bei den moderaten Dürrebedingungen fallen vor allem 2018 und 2019 auf. Für Emden liegt das Maximum bei 228,12 Tagen im Jahr 2018.
Bei den akuten Dürrebedingungen fällt dagegen in vielen betrachteten Regionen 2013 auf. Für Emden liegt das Maximum akuter Dürresignale bei 53,69 Tagen im Jahr 2013.
Das bedeutet: Man muss moderate Trockenlagen und akuten Vegetationsstress getrennt betrachten. Ein Jahr kann beim einen Indikator besonders auffallen, beim anderen weniger.
Für Emden lautet der erste Befund:
- 2018 war in diesen Daten das auffälligste Jahr bei moderaten Dürrebedingungen.
- 2013 war das auffälligste Jahr bei akuten Dürrebedingungen.
Warum das so ist, lässt sich aus den Copernicus-Daten allein noch nicht sicher erklären. Dafür braucht es zusätzliche Daten: Wetterdaten des Deutschen Wetterdienstes, Bodenfeuchte, lokale Niederschlagsreihen, Informationen zu Pflanzenentwicklung, Stadtgrün, Landwirtschaft und Wasserhaushalt.
Warum das für Ostfriesland wichtig ist
Ostfriesland ist eine Wasserlandschaft. Aber Wasserlandschaft heißt nicht automatisch Wassersicherheit.
Die Region ist geprägt von Entwässerung. Gräben, Kanäle, Siele und Schöpfwerke haben über lange Zeit geholfen, Land nutzbar zu machen, Siedlungen zu schützen und Landwirtschaft zu ermöglichen. Die Grundfrage lautete oft: Wie wird man Wasser rechtzeitig los?
Der Klimawandel verschiebt diese Frage.
Künftig geht es nicht mehr nur darum, Wasser abzuführen. Es geht auch darum, Wasser zu halten. Trockenheit, Hitze und Verdunstung können Böden und Vegetation unter Druck setzen. Gleichzeitig bleibt Starkregen ein Risiko. Zu viel Wasser und zu wenig Wasser sind keine getrennten Welten mehr. Sie können Teil desselben Problems werden: eines Wasserhaushalts, der schwieriger zu steuern ist.
Für Emden und Ostfriesland ist das eine zentrale Klimaanpassungsfrage.
Dürre ist nicht gleich Wasserstress
An dieser Stelle ist eine Unterscheidung wichtig.
Dürre beschreibt längere Trockenphasen, bei denen Niederschlag, Bodenfeuchte, Gewässer oder Vegetation unter Druck geraten.
Wasserstress entsteht, wenn langfristig mehr Wasser genutzt wird, als nachhaltig verfügbar ist. Wasserstress kann durch Dürre verschärft werden, kann aber auch ohne akute Dürre entstehen. Etwa durch hohe Entnahmen, Landwirtschaft, Industrie, Tourismus, Versiegelung oder ungünstige Infrastruktur.
Für Ostfriesland heißt das: Eine Region kann Dürresignale zeigen, ohne dauerhaft unter Wasserstress zu stehen. Umgekehrt kann eine wasserreiche Region strukturelle Wasserprobleme bekommen, wenn Nutzung, Entwässerung, Klimawandel und Infrastruktur nicht mehr zusammenpassen.
Genau deshalb reicht es nicht, nur auf Regenmengen zu schauen.
Was die Daten zeigen — und was nicht
Die Copernicus/CORRECTIV-Daten zeigen regionale Dürrebedingungen. Sie ermöglichen Vergleiche zwischen Emden, Ostfriesland, angrenzenden Regionen und Europa.
Sie zeigen aber nicht:
- konkrete Schäden an Feldern,
- den Zustand einzelner Stadtbäume,
- Wasserstände in Gräben,
- Grundwasserstände,
- Ertragsausfälle,
- lokale Nutzungskonflikte,
- Unterschiede zwischen Stadtteilen,
- die genaue Lage einzelner Moore, Parks oder landwirtschaftlicher Flächen.
Das ist keine Schwäche der Daten. Sondern es zeigt sich die Komplexität des Themas.
Die Daten liefern den europäischen Blick. Jetzt braucht es die lokale Erdung.
Was Stadtwalk als Nächstes prüft
Dieser Beitrag ist der Auftakt einer längeren Serie.
Stadtwalk wird in den nächsten Schritten nachfragen:
Beim Deutschen Wetterdienst
Welche Niederschlags-, Temperatur- und Trockenheitsdaten eignen sich für Emden und Ostfriesland? Welche Stationen oder Rasterdaten sind belastbar? Wie lassen sich die auffälligen Jahre 2013, 2018 und 2019 einordnen?
Beim NLWKN
Welche Grundwasser- und Pegeldaten liegen für die Region vor? Welche Messstellen sind öffentlich zugänglich? Gibt es langjährige Vergleichswerte? Sind Daten maschinenlesbar verfügbar?
Bei Stadt, Landkreisen und Wasserwirtschaft
Welche Daten gibt es zu Entwässerung, Wasserrückhalt, Gräben, Sielen und Schöpfwerken? Wird Trockenheit bereits gemeinsam mit Starkregen und Hochwasser gedacht?
In Landwirtschaft und Naturschutz
Welche Folgen von Trockenstress werden beobachtet? Gibt es Daten zu Ertragseinbußen, Bodenfeuchte, Pflanzenstress, Stadtgrün, Mooren oder empfindlichen Biotopen?
Erste Arbeitsthese
Die Copernicus-Daten zeigen: Dürre ist auch für Emden und Ostfriesland kein völlig fernes Thema.
Aber sie zeigen zugleich, dass einfache Aussagen nicht zu treffen sind.
Emden ist nicht einfach ein Dürre-Hotspot. Die Stadt ist aber auch nicht aus dem Thema heraus, nur weil sie am Wasser liegt.
Der erste Befund lautet differenzierter:
Bei moderaten Dürresignalen liegt Emden im betrachteten Vergleichsraum eher niedriger. Bei akuten Dürresignalen mit Vegetationsstress fällt Emden stärker auf. Daraus folgt die konkrete Recherchefrage:
Was bedeuten diese Dürresignale in einer Region, deren Landschaft, Landwirtschaft und Infrastruktur seit Jahrhunderten vom Umgang mit Wasser geprägt sind?
Methodenkasten
Grundlage dieser ersten Stadtwalk-Auswertung sind von CORRECTIV.Europe bereitgestellte Rohdaten auf Basis des Copernicus Combined Drought Indicator.
Der Indikator kombiniert Niederschlagsdefizit, reduzierte Bodenfeuchte und Vegetationsstress.
Die Werte liegen auf NUTS-3-Ebene vor. In Deutschland entspricht das in der Regel Landkreisen und kreisfreien Städten. Die Daten beschreiben regionale Dürrebedingungen, aber keine punktgenauen lokalen Messwerte und keine direkten Schadensfolgen.
Für diese erste Auswertung wurden Emden, Aurich, Leer, Wittmund, Wilhelmshaven, Friesland, Ammerland, Wesermarsch und Emsland betrachtet.
Quelle: CORRECTIV.Europe / Copernicus; eigene Auswertung Stadtwalk.
Hinweise willkommen
Dieses Serie wird über einen langen Zeitraum weitergeführt, um der Komplexität des Themas Rechnung zu tragen. Und zu verstehen, wie konkret der Klimawandel unsere gewohnten Kreisläufe verändert. Hinweise auf lokale Messdaten, Beobachtungen, Schäden, Fachquellen, Behördeninformationen oder Projekte zum Wasserrückhalt und zur Klimaanpassung in Ostfriesland sind willkommen.
