Was passiert, wenn mehrere Dinge gleichzeitig schiefgehen – Stromausfall, gestörte Kommunikation, Probleme bei der Wasserversorgung? Dieser Artikel ist Teil einer Kooperation zwischen CORRECTIV.Europe und Stadtwalk. Für die zugrunde liegende Recherche wurden Landkreise und kreisfreie Städte nach ihrer Krisenvorsorge gefragt. Die Antworten aus Emden zeigen: Strukturen sind vorhanden. Doch bei einigen wichtigen Fragen bleibt offen, wie weit die Vorsorge tatsächlich reicht. Ein Vergleich mit Leer und Aurich liefert erste Hinweise.
Wie gut ist eine Stadt auf eine plötzliche und unerwartete Krise vorbereitet?
CORRECTIV hat deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten dazu ein bewusst unangenehmes Szenario vorgelegt: Nach einer längeren Hitzewelle kommt es zu Überschwemmungen. Verkehrswege werden unterbrochen, der Strom fällt großflächig aus, die Trinkwasserversorgung ist eingeschränkt, Kommunikationsnetze sind überlastet oder funktionieren teilweise nicht mehr. Ob Naturereignisse oder Sabotage dahinterstecken, ist zunächst unklar.
Die Stadt Emden hat den Fragebogen beantwortet. Stadtwalk nimmt diese Antworten zum Ausgangspunkt für eine neue Serie über Krisenvorsorge in Emden und Ostfriesland.
Dabei geht es nicht um Panik und auch nicht um die Frage, welche Kommune auf einer vermeintlichen Rangliste ganz oben steht. Die Angaben stammen zunächst von den Behörden selbst. CORRECTIV weist ausdrücklich darauf hin, dass solche Selbstauskünfte durch Gespräche mit weiteren Akteuren ergänzt werden sollten. Auch unterschiedliche Zuständigkeiten und örtliche Strukturen erschweren direkte Vergleiche.
Trotzdem ergeben die Antworten bereits ein erstes Bild.
Feste Strukturen – aber kein Gesamtplan für die Mehrfachkrise
Bei den internen Führungs- und Personalstrukturen beschreibt sich Emden vergleichsweise klar aufgestellt. Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten seien geregelt, die Führungsstruktur auch bei Ausfall von Funktionsträgern festgelegt, Personal stehe entsprechend der Planung zur Verfügung. Auch Ausbildung, Weiterbildung sowie Redundanzen für Schlüssel- und Sonderfunktionen werden als vorhanden angegeben.
Auf die Frage, ob es für das von CORRECTIV entworfene Mehrfachszenario bereits ein Konzept gebe, antwortet die Stadt jedoch nur mit „teilweise“. Für genau eine solche kombinierte Lage bestehe kein eigenes Konzept. Stattdessen würden Einzelkonzepte und Vorplanungen für die jeweiligen Schadenslagen zusammengeführt.
Zum Vergleich: Die Landkreise Leer und Aurich beantworten die gleiche Frage mit „Ja“.
Das heißt nicht, dass Emden prinzipiell schlechter vorbereitet ist, aber: Wie gut funktionieren einzelne Notfallpläne noch, wenn mehrere Krisen gleichzeitig eintreten?
Wie lange könnte Emden allein durchhalten?
Deutlicher wird die Unsicherheit bei einer weiteren Frage.
CORRECTIV wollte wissen, wie lange die jeweilige Kommune oder der Landkreis das beschriebene Szenario selbstständig bewältigen könnte, bevor Unterstützung von Land oder Bund notwendig würde.
Emdens Antwort:
Keine Einschätzung möglich.
Auch zur Zahl der Menschen, die in den ersten 48 Stunden beziehungsweise fünf Tagen mit grundlegenden Nahrungsmitteln, Trinkwasser und Strom versorgt werden könnten, macht die Stadt keine Angabe.
Der Landkreis Leer schätzt dagegen, die Lage 48 Stunden eigenständig bewältigen zu können. Beim Trinkwasser könne ein großer Teil der Bevölkerung versorgt werden.
Aurich legt sich bei der Dauer nicht fest und schreibt zur Versorgung, diese sei nicht abschätzbar; der Selbstschutz der Bevölkerung habe Priorität, die Versorgung erfolge nicht primär durch die Behörden.
Damit zeichnet sich eine Grundfrage ab, die uns durch die weitere Recherche begleiten wird:
Was muss die öffentliche Hand im Krisenfall leisten – und was müssen Einwohner selbst vorbereiten?
Notstrom vorhanden – Details teilweise nicht öffentlich
Emden gibt an, sowohl über mobile als auch über stationäre Möglichkeiten der Notstromversorgung zu verfügen. Anzahl und Leistung werden allerdings nicht genannt.
Auch bei der Frage, welche Einrichtungen im Ernstfall Vorrang hätten, macht die Stadt keine konkreten Angaben. Die Begründung: Es handele sich um sensible Informationen. Die Anlagen würden nach Angaben der Stadt mehrmals im Jahr gewartet.
Für private Haushalte ist die mögliche Versorgungsdauer unbekannt. Beim öffentlichen Krankenhaus wird Emden konkreter: Die Stromversorgung sei für mehrere Tage abgesichert; bei gesicherter Treibstoffversorgung sei ein Dauerbetrieb möglich.
Das wird einer der Punkte sein, die Stadtwalk später genauer untersuchen will.
Beim Trinkwasser bleibt eine auffällige Zahl
Die Antworten zur Trinkwassernotversorgung sind lückenhaft.
Wie viele Anlagen vorhanden sind, welche Art von Anlagen es gibt, wie viele Menschen damit versorgt werden könnten und welche tägliche Wassermenge zur Verfügung stünde, wird nicht beantwortet. Die Stadt verweist unter anderem auf die Stadtwerke beziehungsweise die zuständige Wasserbehörde.
Eine Zahl findet sich dennoch:
13 Tage.
So lange könne die Versorgung aufrechterhalten werden.
Was genau diese Zahl bedeutet, bleibt im Fragebogen offen. Für wie viele Menschen? Mit welcher Wassermenge? Über welche Infrastruktur?
Das ist eine der Fragen, denen wir nachgehen werden.
Schutzräume: „Unbekannt“
Auf die Frage, ob in Emden offiziell ausgewiesene Schutzräume existieren, lautet die Antwort:
„Unbekannt.“
In Leer ist die Antwort eindeutiger: Dort werden keine offiziell ausgewiesenen Schutzräume angegeben.
Aurich wiederum nennt einen offiziell gewidmeten Bunker mit laut Plan rund 4.000 Plätzen. Der Landkreis weist allerdings zugleich darauf hin, dass dieser seit mehreren Jahren nicht gewartet wurde. Strom- oder Notstromversorgung sei nicht vorhanden, Toiletten und Duschen seien wegen der fehlenden Wartung nicht nutzbar.
Schon dieses Beispiel zeigt, weshalb die bloße Frage „Gibt es einen Schutzraum?“ wenig aussagt.
Entscheidend ist vielmehr: Ist er tatsächlich nutzbar?
Emden erwartet Finanzierungsprobleme
Eine der deutlichsten Antworten betrifft das Geld.
Die Stadt gibt an, Maßnahmen zur Krisenvorsorge überwiegend oder ausschließlich aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Einen eigenen Etat gebe es.
Auf die Frage, ob die von der Stadt als erforderlich erkannten Maßnahmen in den kommenden Jahren ausreichend finanziert werden könnten, antwortet Emden jedoch:
„Voraussichtlich nein.“
In Leer lautet die Antwort dagegen „voraussichtlich ja“, Aurich hält eine ausreichende Finanzierung zumindest teilweise für möglich.
Auch hier wäre ein vorschneller Schluss falsch. Die Kommunen und Landkreise haben unterschiedliche Aufgaben, Größen und Strukturen. Aber die Emder Aussage ist bemerkenswert: Die Stadt sieht notwendigen Handlungsbedarf, geht zugleich aber davon aus, ihn finanziell nicht vollständig bewältigen zu können.
Ein Anfang, kein Urteil
Aus dem Fragebogen lässt sich nicht ableiten, dass Emden „schlecht vorbereitet“ wäre.
Dafür gibt es durchaus belastbare Strukturen: einen festen Krisenstab, definierte Führungsstrukturen, Notstromversorgung, Warnmöglichkeiten und rund 300 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. Für Planung, Koordination und Umsetzung der Krisenvorsorge nennt die Stadt 3,5 Vollzeitstellen.
Genauso wenig lässt sich aus den Antworten aber ableiten, dass damit alle wichtigen Fragen geklärt wären.
Gerade dort, wo es konkret wird – Wie lange reichen Strom und Wasser? Wie viele Menschen können versorgt werden? Welche Schutzmöglichkeiten gibt es? Was kostet die noch notwendige Vorsorge? – bleiben bemerkenswerte Lücken.
Und genau dort beginnt unsere Recherche.
Wie krisenfest ist Emden?
In den kommenden Wochen wird Stadtwalk einzelne Bereiche genauer untersuchen: Strom und Trinkwasser, Kommunikation, Krankenhaus und Pflege, Schutzräume, Klimarisiken, Personal und Finanzierung – und schließlich auch die besonderen Abhängigkeiten einer Hafenstadt.
Die CORRECTIV-Daten sind hier der erste wichtige Ansatz.
Über diese Recherche
Diese Recherche ist Teil einer Kooperation von Stadtwalk mit CORRECTIV.Europe, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das gemeinsam mit Lokalredaktionen in ganz Europa datenbasierte und investigative Recherchen umsetzt. CORRECTIV.Europe ist Teil der gemeinnützigen, durch Spenden finanzierten investigativen Redaktion CORRECTIV. Mehr unter correctiv.org/en/europe/.
Stadtwalk hat für diesen Auftakt die Antworten der Stadt Emden sowie der Landkreise Leer und Aurich ausgewertet. Die Angaben sind behördliche Selbstauskünfte. Die tatsächliche Einsatzfähigkeit der beschriebenen Vorkehrungen wurde für diesen Artikel nicht unabhängig überprüft. Daran schließt die weitere lokale Recherche von Stadtwalk an.
