„Das Feuerschiff“ nach Siegfried Lenz im Festspielhaus am Wall: ein fast leerer Saal, ein vierköpfiges Ensemble und eine puristische Inszenierung, die erstaunlich viel Wucht entwickelt.
Es ist ein kühler Spätsommerabend, vielleicht schon ein milder Frühherbstabend. In der Eingangshalle des Festspielhauses am Wall haben sich noch nicht viele Menschen versammelt. Das Publikum ist überwiegend älter, die Stimmung ruhig und etwas zurückhaltend.
Eine junge Frau bittet um Aufmerksamkeit. Sie begrüßt uns und beginnt mit einer Einführung zu Siegfried Lenz, kommt dann auf seine Erzählung „Das Feuerschiff“ und schließlich auf die Inszenierung von Michael Uhl zu sprechen. Anfangs wirkt der Vortrag ein wenig steif. Doch dann beschreibt sie den ungewöhnlichen Bühnenaufbau, die puristische Form und das vierköpfige Ensemble, auf das sich der Abend konzentrieren wird.
Das macht neugierig.
Wenig später ertönt der Gong.
Als wir den Hauptsaal betreten, sind wir eigentlich schon mitten im Stück. Vier Seeleute empfangen uns in abgetragener Kleidung und mit Wollmützen auf dem Kopf.
„Na, auch angeheuert?“
„Wo ist dein Heuerschein?“
„Ihr seht aber blass aus.“
Einige grinsen verhalten, andere versuchen mitzuspielen. Wieder andere gehen möglichst unauffällig zu ihren Plätzen.
Auf der Bühne steht eine mehrere Meter hohe Konstruktion aus Rohrstühlen. Beängstigend hoch. Daneben die Andeutung eines alten, rostigen Schiffes. Viel mehr braucht es zunächst nicht.
Die Türen werden geschlossen. Der große Saal ist höchstens zu einem Viertel gefüllt. Noch bekommen wir eine kurze Einführung in das Leben an Bord, in Maschinenraum, Deck und Brücke. Dann steigen die vier auf die Bühne.
Das Licht im Saal verlischt.
Und aus den Stühlen wird ein Schiff.
Die Geschichte ist bekannt. Auf einem Feuerschiff, das durch seine feste Position anderen Schiffen Orientierung gibt, nimmt Kapitän Freytag drei Männer auf. Ihr Boot ist beschädigt. Bald stellt sich heraus, dass es bewaffnete Verbrecher sind. Sie wollen an Land – notfalls mit dem Feuerschiff.
Doch Freytag kann dessen Position nicht einfach aufgeben. Das Schiff ist ein Seezeichen. Verlässt es seinen Platz, bringt das möglicherweise andere Menschen in Gefahr. Gleichzeitig trägt der Kapitän Verantwortung für seine eigene Mannschaft.
Genau aus diesem Widerspruch gewinnt der Abend seine Spannung.
Auf der einen Seite Freytag, gespielt von Andreas Möckel: beharrlich, pflichtbewusst, mit einer eigenen Vergangenheit im Gepäck. Auf der anderen Dr. Caspary, der Kopf der Verbrecherbande. Simon Ahlborn spielt ihn intelligent, selbstgefällig, gefährlich und mit einer fast irritierenden Offenheit.
Caspary scheint Gefallen an seinem Gegenspieler zu finden. Er erzählt ihm von seinen verschiedenen Identitäten, von Verbrechen und einer verdorbenen Familiengeschichte. Freytag hört angewidert zu – und ist doch fasziniert.
Es sind vor allem diese Dialoge, die tragen. Pflicht gegen Rücksichtslosigkeit. Verantwortung gegen den eigenen Vorteil. Und immer wieder die Frage, wie lange eine Haltung Bestand haben kann, wenn eine Waffe auf denjenigen gerichtet ist, der sie vertritt.
Doch mindestens ebenso stark wie die Geschichte ist die Art, wie sie auf die Bühne gebracht wird.
Die hohe Stuhlkonstruktion wird tatsächlich zum Schiff. Die vier klettern auf ihr herum, teilweise fast akrobatisch. Sie greifen hinter Stühle und holen Schnaps aus imaginären Schränken. Menschen verschwinden zwischen dem Gestänge und sind plötzlich eingesperrt. Ein paar Rohrstühle, vier Körper und unsere Vorstellungskraft genügen für Decks, Räume und Gänge.
Und dieses Schiff verändert sich.
Im Laufe des Abends werden immer mehr Stühle aus der Konstruktion gezogen und zur Seite geworfen. Das Gebilde wird löchriger, verliert seine Ordnung und Geschlossenheit. Fast scheint es, als verlören mit dem Schiff auch die Menschen darauf Stück für Stück etwas: Sicherheit, Gewissheiten, Kontrolle.
Dazwischen treten die Darstellenden immer wieder aus der unmittelbaren Handlung heraus. In kurzen, poetischen Passagen erzählen sie von Wolken und Gewittern, vom Wasser, vom Wind, vom Stampfen der Motoren.
Das Meer, das Licht, die Stimmung auf See ist jetzt auf der Bühne.
Musik und Licht verstärken besonders intensive Szenen. Scheinwerfer strahlen plötzlich frontal ins Publikum. Man sitzt nicht mehr ganz so sicher im Dunkeln und schaut nur anderen beim Geschehen zu.
Schließlich spitzt sich der Konflikt zu. Die Mannschaft ist bereit nachzugeben. Freytag nicht. Der Anker soll gehoben werden, das Feuerschiff seinen Platz verlassen. Eine Waffe wird auf den Kapitän gerichtet.
Ein Schuss fällt.
Die Gewalt, die Freytag verhindern wollte, bricht sich doch Bahn. Am Ende bleibt er gebückt auf der hohen Stuhlkonstruktion stehen.
Das Licht verlischt.
Als es wieder hell wird, ist deutlich zu spüren, dass dieser Abend auch bei den anderen angekommen ist. Der Applaus ist herzlich.
Und trotzdem bleibt ein merkwürdiges Gefühl.
Wir sind einfach zu wenige.
In einem nur zu einem Viertel gefüllten Saal kann selbst begeisterter Applaus kaum die Wucht entwickeln, mit der man dieser Leistung gern Respekt gezollt hätte. Auch Menschen, die deutlich unter dreißig waren, waren kaum zu sehen.
Das beschäftigt mich noch beim Hinausgehen. Gerade weil diese Aufführung so gar nichts Verstaubtes hat. Sie ist körperlich, konzentriert, manchmal bedrängend, voller Energie – und mit erstaunlich wenigen Mitteln erzählt.
Draußen wartet wieder der kühle Abend zwischen Spätsommer und Herbst. Nach einem aufregenden Erlebnis auf hoher See.
