Die Krone, ein Fluch

Szene aus der Macbeth-Inszenierung der Landesbühne Niedersachsen Nord.
Foto: © Volker Beinhorn, Landesbühne Nord

Ein Paar greift nach der Macht und zerstört darüber seine gemeinsame Zukunft. Die Landesbühne Niedersachsen Nord zeigt Shakespeares „Macbeth“ am 1. Oktober in Emden. Regisseur Nicola Bremer erzählt dabei auch von einer Erfahrung der Gewalt, die dem ersten Mord vorausgeht.

Macbeth hat seinem König gute Dienste geleistet. Als Feldherr hat er gekämpft, getötet und Duncans Herrschaft gesichert. Dafür genießt er Ansehen und Vertrauen. Dann prophezeien ihm drei Hexen, er werde einst selbst König sein. Dieser Gedanke weckt etwas in ihm, das er nicht mehr abschütteln kann.

Warum weiterhin einem anderen dienen, wenn ihm selbst die Krone bestimmt ist?

Doch er müsste morden, um die Krone zu bekommen. Duncan ist sein König, sein Verwandter und sein Gast. Ihn im Schlaf zu ermorden, erkennt er selbst als infame Untat. Er erwägt die Folgen und will den Plan dann aufgeben.

Seine Frau, Lady Macbeth, stachelt seinen Ehrgeiz an. Bekämpft seine Skrupel. Sie arbeitet subtil: stellt seinen Mut, seine Männlichkeit und seine Liebe infrage. Der Mord wird damit auch zu einer Bewährungsprobe innerhalb ihrer Ehe. Macbeth soll beweisen, dass er den gemeinsam ersehnten Aufstieg wirklich will. Sie wiederum versucht, jedes Mitgefühl in sich zum Schweigen zu bringen. Die Härte, die sie von ihm verlangt, muss sie sich selbst auch abringen.

Macbeth ermordet Duncan und wird König. Doch die Krone bringt dem Paar keinen Frieden. Macbeth fürchtet nun, die Macht durch Gewalt zu verlieren, die er durch Gewalt gewonnen hat. Er muss weitere Morde begehen, um seine Herrschaft abzusichern und blickt in immer tiefere Abgründe. Bald entscheidet er ohne seine Frau. Aus der gemeinsamen Verschwörung werden zwei einsame Leben: Er versucht, die Folgen seiner Taten durch weitere Gewalt zu beherrschen. Sie wird im Schlaf von ihrer Schuld verfolgt und leidet.

Shakespeare zeigt Menschen, die verstehen, was sie tun, und sich dennoch immer tiefer verstricken. Macbeth macht schließlich das bereits begangene Unrecht zur Begründung für das nächste. Umkehr würde verlangen, die eigene Schuld anzuerkennen und die Macht preiszugeben, für die er schuldig geworden ist.

An dieser Verbindung von Macht, Angst und Begehren setzt Nicola Bremers Inszenierung an. Sie gibt Lady Macbeth eine Vorgeschichte, die Shakespeare so nicht erzählt. Nach der dramaturgischen Einführung stammt sie hier von den Pikten im Norden Schottlands ab. Ihr Vater war der letzte König seiner Gemeinschaft und wurde bei deren Eroberung ermordet. Sie ist mit der Vorstellung aufgewachsen, selbst einmal Königin zu werden. Die Eroberung nimmt ihr diese Zukunft. Außerdem will sie Vergeltung für den Tod ihres Vaters.

Ihr Drängen erhält dadurch eine zusätzliche Bedeutung. In der Krone könnte sie die Rückkehr zu einem Leben sehen, um das sie gebracht wurde. Macht verspricht dann auch Schutz vor jener Ohnmacht, die sie bereits erfahren hat. Doch bei dem Versuch, das Verlorene zurückzugewinnen, wird sie selbst zur Täterin.

Bremer verbindet seine Ergänzung ausdrücklich mit Fragen nach Eroberung, Kolonialismus und deren Folgen. Daraus ergibt sich eine beunruhigende Lesart: Erlittenes Unrecht kann das Verlangen nach Macht nähren, ohne vor neuem Unrecht zu bewahren. Lady Macbeths Vergangenheit macht ihr Handeln verständlicher. Die Verantwortung dafür nimmt sie ihr nicht.

Jeffrey von Laun spielt Macbeth, Aida-Ira El-Eslambouly Lady Macbeth. Bühne und Kostüme stammen von Wiebke Heeren. Gespielt wird in der deutschen Übertragung von Christoph Martin Wieland.

Donnerstag, 1. Oktober 2026, 19.30 Uhr, Festspielhaus am Wall, Emden. Dauer laut Landesbühne etwa zwei Stunden einschließlich Pause. Eintritt 10 bis 17 Euro, ermäßigt 5 bis 9 Euro. Karten über Kulturevents Emden.