Macbeth in Emden – Oder, wie die Macht Gespenster gebiert

Foto: © Volker Beinhorn, Landesbühne Nord
Am Donnerstag, 1. Oktober 2026, gastierte die Landesbühne Niedersachsen Nord mit William Shakespeares „Macbeth“ im Festspielhaus am Wall in Emden. Inszeniert von Nicola Bremer; Beginn war um 19.30 Uhr.

Die Landesbühne Nord zeigte Shakespeares „Macbeth“ im Festspielhaus am Wall als düsteren Psychothriller über Macht, Verletzung und die Eigendynamik der Gewalt. Ein Abend, bei dem Bühne, Licht, Nebel und Schauspiel eine Welt entstehen lassen, in der äußere Wirklichkeit und innerer Abgrund immer schwerer voneinander zu unterscheiden sind.

„When shall we three meet again —
In thunder, lightning, or in rain?“

Die Frau neben mir in der Vorhalle kann die ersten Zeilen immer noch. Ihr Abitur, erzählt sie, liege lange zurück. Aber Shakespeare ist geblieben.

Noch ist das Festspielhaus am Wall in sanftes Licht getaucht. Zunächst stehen nur wenige Menschen im Foyer, dann werden es immer mehr. Auffällig viele junge Leute sind darunter. Macbeth ist Abiturstoff. Eine junge Frau mit Mikrofon und einem Blatt Papier stellt sich auf die Treppe, begrüßt das Publikum und führt kurz in das ein, was uns erwartet.

Dann geht es vorbei an der Garderobe in den Saal. Diese eigentümliche Zeit vor Beginn einer Aufführung bleibt aufregend, ganz gleich, wie oft man im Theater gewesen ist. Gespräche verstummen allmählich. Die Türen schließen sich. Das Licht wird heruntergedimmt.

Ein Mann tritt vor den Vorhang. Zwei Nachrichten habe er, sagt er. Eine schlechte und eine gute. Sven Heiß, der an diesem Abend König Duncan, einen Mörder und Macduff spielen sollte, sei erkrankt. Die gute Nachricht: Regieassistent Knut-Alexander Höhn sei kurzfristig eingesprungen und werde alle drei Rollen übernehmen. Vieles werde er allerdings vom Teleprompter ablesen müssen.

Spontan gibt es Extraapplaus.

Dann verschwindet er hinter dem Vorhang, nachdem er uns einen schöner Abend gewünscht hat

Es wird dunkel.

Sehr dunkel.

Man ahnt zunächst eher, als dass man sieht, wie sich der Bühnenraum öffnet. Nebel steigt vom Boden auf, Konturen werden sichtbar, verschwinden wieder. In der Mitte steht ein dunkles Gebilde. Drei Gestalten lösen sich aus dem Dunst. Lange gebogene Nasen, krächzende Stimmen, Wimmern, Lachen.

Hexen? Geister? Fieberträume?

Vielleicht von allem etwas.

Eine verletzte Welt

Nicola Bremers Inszenierung erzählt Macbeth nicht einfach als Geschichte eines ehrgeizigen Feldherrn, der König werden will. Sie legt früh eine tiefere Spur.

Die drei Hexen erzählen zunächst vom Schicksal Lady Macbeths. Von ihrem Vater, einem einstigen schottischen König, von Vertreibung und Tod, von ihrer Rolle als Figur in den Machtspielen Duncans, von Mutterschaft und dem Verlust ihres Kindes. Noch bevor Lady Macbeth selbst auftritt, kennt das Publikum die Verwundungen, aus denen heraus sie handeln wird.

Damit setzt die Inszenierung einen Akzent. Das Böse fällt nicht plötzlich vom Himmel. Es wächst in einer Welt, die bereits von Gewalt durchzogen ist.

Als Macbeth und Banquo vom Krieg zurückkehren, feiern sie ihren Sieg. Gewalt gehört zu ihrem Leben. Sie haben getötet, weil ein König es von ihnen verlangte, und zunächst scheint darin kein moralischer Widerspruch zu liegen.

Dann erscheinen wieder die Hexen.

Macbeth werde Than von Cawdor und schließlich König. Banquos Nachkommen würden Könige sein. Wenig später trifft die erste Prophezeiung tatsächlich ein: Macbeth erhält den Titel des Than von Cawdor.

Ein Gedanke ist in die Welt gesetzt worden. Und er bleibt, wie ein Dorn knapp unter der Haut.

Lady Macbeth in Rüstung

Als Lady Macbeth schließlich erscheint, steht sie in einem hellen, hochgeschlossenen Kleid auf der Bühne, das sie fast wie eine Rüstung umschließt. Ihr Haar ist turmartig nach oben gesteckt, einzelne Strähnen haben sich gelöst und umspielen ihr Gesicht.

Sie liest den Brief ihres Mannes.

Nun sehen wir die Frau, deren Geschichte wir bereits kennen.

Aida-Ira El-Eslambouly spielt keine eindimensional dämonische Verführerin. Ihre Lady Macbeth wirkt vielmehr wie eine gebrochene Figur, in der Hass, Rache und Mordlust längst vorhanden sind und nun ein Ziel finden können. Was ihr geschehen ist, lässt sich nicht ungeschehen machen. Aber vielleicht lässt sich Macht gewinnen. Vielleicht lässt sich die eigene Ohnmacht in Macht und Gerechtigkeit verwandeln.

Als Macbeth ihr ankündigt, Duncan werde auf ihrer Burg übernachten, scheint plötzlich alles möglich.

Jeffrey von Launs Macbeth will die Macht durchaus. Aber zunächst will er den Weg dorthin nicht gehen. Das ist der merkwürdige Widerspruch dieser Figur: Ein Kriegsmann, dem das Töten auf dem Schlachtfeld offenbar leichtfällt, schreckt vor dem Mord an seinem Freund und König zurück.

Lady Macbeth muss ihn überzeugen.

Sie beschwört Bilder von Macht und Königtum. Die Hexen haben den Samen gelegt, sie sorgt dafür, dass er aufgeht. Und langsam beginnt Macbeth sich einzureden, Duncans Tod könne eine einzelne Tat bleiben. Ein schrecklicher Augenblick vielleicht, der irgendwann von der Zeit verschluckt wird.

Es ist eine Selbsttäuschung.

Macbeth ersticht Duncan im Schlaf.

Als er mit Dolch und blutigen Händen zurückkehrt, ist er außer sich. Man spürt sein Grauen vor der eigenen Tat. Als wäre er selbst erschrocken darüber, wozu er fähig gewesen ist.

Lady Macbeth dagegen handelt. Die Wachen müssen belastet, Blut und Dolch müssen platziert werden. Was Macbeth nicht mehr vermag, erledigt sie selbst.

Und beschmutzt sich dabei mit Duncans Blut.

Der erste Mord bleibt nicht allein

Macduff entdeckt den Toten.

Der Wächter wird zum Schuldigen erklärt und von Macbeth getötet. Eine Befragung ist damit nicht mehr möglich. Malcolm, Duncans Sohn, flieht und macht sich dadurch selbst verdächtig.

Macbeth wird König.

Lady Macbeth hat erreicht, was sie erreichen wollte.

Und ist doch nicht glücklich.

Von diesem Punkt an verschieben sich die Kräfte zwischen den beiden. Lady Macbeth hatte den ersten Mord gewollt. Macbeth lernt nun, dass Mord ein Instrument der Herrschaft sein kann.

Banquo weiß von der Prophezeiung. Er war dabei, als die Hexen Macbeth die Krone voraussagten. Und ihm selbst wurde prophezeit, seine Nachkommen würden Könige.

Damit wird aus dem Freund eine Gefahr.

Macbeth lässt Banquo ermorden.

Macduff misstraut ihm ebenfalls und flieht nach England. Macbeth reagiert darauf mit einem Satz, dessen Kälte gerade deshalb wirkt, weil er fast beiläufig kommt: Macduff sei zwar fort – aber Frau und Kind seien noch da.

Auch sie sollen sterben.

Die Szene mit Lady Macduff eindringlich: Sie hält ihr Baby im Arm und spricht über ihre Angst. Das Publikum weiß bereits mehr als sie. Wir wissen, dass die Mörder kommen werden.

Sie wird noch gewarnt.

Dann nähern sich die beiden mörderischen Männer grinsend. Und das Bühnenrondell dreht sich weiter. Und Lady Macduff und ihr Baby sind tot.

Eine Bühne wie eine Maschine

Dieses drehbare Rondell in der Bühnenmitte, entworfen von Wiebke Heeren, ist ein starkes Element der Inszenierung.

Es ist Raum, Burg, Thron und Höhle zugleich. Es öffnet sich und verschließt sich, zeigt und verbirgt, lässt Menschen erscheinen und wieder verschwinden. Grausige Dinge geschehen darin oder verschwinden mit seiner Bewegung aus dem Blick.

Die Macht hat hier keinen festen Ort.

Sie dreht sich.

Und sie zieht die Figuren mit sich.

Dazu kommt Janeck Itjens Lichtgestaltung. Helligkeit und Dunkelheit sind nicht bloß Beleuchtung, sondern Teil der Erzählung. Figuren werden zu Schemen, verschwinden fast im Nebel oder werden plötzlich aus ihm herausgeschnitten und für einen Moment scharf sichtbar.

Immer wieder dringt Nebel von den Seiten auf die Bühne.

So entsteht kein historisch realistisches Schottland. Die Bühne wird zunehmend zu einem psychischen Raum. Innen und Außen lassen sich kaum noch trennen.

Auch die Musik wird sparsam und gezielt eingesetzt. Keltische Klänge begleiten Bankett und Kampfszenen. Düstere elektronische, teilweise psychedelische Klänge liegen unter den Hexenszenen und den dunklen Selbstgesprächen der Figuren.

Nichts davon dominiert den Abend.

Alles arbeitet an derselben Atmosphäre.

Macbeth lernt die Gewalt

Während Lady Macbeth immer tiefer in sich zusammensinkt, geschieht bei Macbeth das Gegenteil.

Die erste Tat hat ihn nicht gebrochen.

Sie hat ihn enthemmt.

Jeffrey von Laun lässt diese Veränderung immer körperlicher werden. Macbeth wird fahriger, paranoider, lauter und aggressiver. Er springt herum, windet sich auf seinem Thron, kreischt und brüllt.

Was bei Duncan noch Überwindung kostete, wird zunehmend selbstverständlich.

Er hat gelernt, dass ein Mord ein Problem beseitigen kann. Also wird beim nächsten Problem wieder gemordet.

Lady Macbeth dagegen zerbricht an der Welt, die sie selbst mit geschaffen hat. Der eine Mord, der für sie alles verändern sollte, hat nichts beendet. Er hat nur weitere Morde hervorgebracht.

Während sie sich immer weiter von ihrem Mann entfernt, scheint Macbeth sich immer tiefer in der eigenen Gewalt einzurichten.

Dann kommen die Hexen zurück.

Wieder schemenhaft. Wieder aus einer Welt, von der nie ganz klar ist, ob sie außerhalb Macbeths existiert oder längst nur noch in seinem Kopf.

Ihre neuen Prophezeiungen scheinen ihm Sicherheit zu geben: Er müsse sich erst fürchten, wenn ein Wald gegen seine Burg ziehe. Und kein Mann, der von einer Frau geboren worden sei, könne ihn töten.

Macbeth hört darin, was er hören möchte.

Unverwundbarkeit.

Auch Widerstand braucht Gewalt

Macduff hat inzwischen erfahren, dass seine Frau und sein Kind ermordet wurden.

Knut-Alexander Höhn gibt diesem Moment eine rohe Energie. Schmerz wird Wut, Wut wird Raserei. Malcolm erkennt, dass sich diese Energie gegen Macbeth richten lässt.

Dass Höhn an diesem Abend überhaupt auf der Bühne steht, ist dabei bemerkenswert. Kurzfristig übernimmt der Regieassistent sämtliche Rollen des erkrankten Sven Heiß: Duncan, Mörder und Macduff.

Natürlich ist zu merken, dass hier jemand praktisch aus dem Stand einspringt. Es gibt kleine Versprecher, hin und wieder wandert der Blick zum Teleprompter.

Doch das bleibt nebensächlich.

Höhn spielt mit derselben hohen Energie wie das übrige Ensemble. Gerade Macduffs Schmerz und Wut gewinnen bei ihm eine körperliche Wucht. Aus einem möglichen Notbehelf wird so ein selbstverständlicher Teil der Aufführung.

Überhaupt ist dieser Abend stark vom Zusammenspiel seines Ensembles getragen. Niemand steht isoliert neben den anderen. Die hohe Energie, mit der gespielt wird, zieht sich durch die gesamte Inszenierung.

Der Kopf rollt

Am Ende stehen sich Macbeth und Macduff gegenüber.

Schwerter schlagen aufeinander.

Die Kampfszene hat nichts Abstraktes. Metall trifft Metall, Körper kämpfen um Raum, Herrschaft und Leben.

Dann ist Macbeth tot.

Enthauptet.

Sein Kopf kullert die Stufen hinunter.

Ein gruseliges und groteskes Bild.

Lady Macbeth ist zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben. Wie genau, lässt die Aufführung offen. Ein Suizid liegt als Möglichkeit nahe, ausgesprochen wird er nicht.

Macduff steht schließlich mit Malcolm und den Dienern auf der Bühne.

Das Licht erlischt.

Völlige Dunkelheit.

Stille.

Nicht nur einen kurzen Moment. Mehrere Sekunden.

Ist das jetzt das Ende?

Das Publikum scheint gebannt – vielleicht auch ein wenig verunsichert.

Kommt noch etwas?

Beginnen vielleicht gleich die nächsten Intrigen?

Dann bricht der Applaus los.

Laut.

Und fast erleichtert.

Vielleicht deshalb, weil wenigstens dieser eine Kreislauf beendet ist. Ein böser Gedanke führte zur bösen Tat, die Tat erzeugte Angst und neue böse Gedanken, die wiederum neue Taten verlangten.

Duncan.

Der Wächter.

Banquo.

Lady Macduff und ihr Kind.

Immer musste noch jemand sterben, damit der vorherige Mord Sinn machte. Eine nahzu unendliche Kette.

Mit Macbeths Tod ist diese Spirale zunächst durchbrochen.

Ob damit auch die Gewalt selbst verschwunden ist, beantwortet der Abend nicht.

Und vielleicht liegt gerade darin seine stärkste Wirkung.

Denn nachdem das Licht wieder angegangen ist, bleibt weniger die Geschichte eines schottischen Königs aus dem 11. Jahrhundert zurück als eine wesentlich unangenehmere Frage:

Wie durchbricht man eine Spirale von Gewalt, die man gene seine eigenen Skrupel in Gang gesetzt hat?